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DIE GELBEN HEIDEN
persönlich verstimmt fühlte, geht andererseits daraus hervor, daß er meinemBruder seine Treue für Bismarck nicht übelnahm. „Ich verstehe", äußerteer gelegentlich zu ihm, wie später auch mehr als einmal zu mir, „daß Siean dem Alten hängen. Sie sind schon als Kind in seinem Hause gewesen.Ich lasse Ihnen Ihre Ansichten, aber Sie müssen mir auch die meinigenlassen."
Am Tage nachdem ich die Nachricht vom Tode meines Bruders emp-fangen hatte, fuhr ich von Rom nach Berlin zu seiner Beisetzung, der Kaiserund Kaiserin beiwohnten. Nach dem Eintreffen der Todesnachricht hatteder Kaiser mir nach Rom das nachstehende Telegramm gesandt: „Tiefergriffen von der Todesnachricht Ihres lieben Bruders, der meinem Her-zen schon seit der Jugendzeit so nahestand, in dessen militärische Zu-kunft ich mit freudiger Zuversicht blickte, spreche ich Ihnen und IhrerFamilie auch im Namen der Kaiserin das herzlichste Beileid aus. Mit derArmee beklage ich einen der besten Offiziere, der mir und meinem Hause inTreue ergeben war und dessen Andenken ich in dankbarem Herzen stetsbewahren werde. Wilhelm I. R." Die Kaiserin war meinem Bruder be-sonders freundlich gesinnt. Unteroffiziere von seinem alten Regiment, den2. Gardedragonern, trugen den Sarg.
Ich war kaum in Rom wieder zurück, als ich ein sehr langes, sehr rheto-Stützpunkt risches, etwas aufgeregtes Telegramm des Kaisers erhielt, das durch dieKiautschou Nachricht von der Ermordung katholischer deutscher Missionare in derchinesischen Provinz Schantung hervorgerufen war. Der Kaiser bedrohtein sich immer wiederholenden, Entrüstung und Zorn atmenden Wendungendas chinesische Heidenvolk, beteuerte seine Pflicht und seine Entschlossen-heit, das Kreuz und dessen Diener und Sendboten zu verteidigen, undschloß damit, daß das deutsche Kreuzergeschwader die Bestrafung derMörder verlangen und inzwischen in die Bucht von Kiautschou einlaufensolle. Ich war wie der Kaiser der Ansicht, daß wir diese Gelegenheit be-nutzen müßten, um in Kiautschou den nach langer und gründlicher Prü-fung als geeignet erkannten Stützpunkt für unsere reicher Entfaltungfähigen ostasiatischen Interessen zu finden. Ich war freilich auch der Mei-nung, daß dies Ziel nicht mit tönenden Worten, sondern nur durch einerichtige diplomatische Taktik, speziell gegenüber Rußland und England ,zu erreichen sein würde.
Ich beeilte so sehr als möglich die Abschiedsformalitäten in Rom ,konnte es mir aber nicht versagen, vor meiner Abreise die Vertreter derdeutschen Kolonie zu empfangen, mit der mich herzliche Beziehungen ver-bunden hatten. Die Kolonie hatte die Freundlichkeit, mir eine schöneNachbildung der Augustus-Statue im Kapitolinischen Museum zu über-reichen. Ich dankte in einer kurzen Ansprache, in der ich äußerte, daß ich