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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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BÜLOW-ODYSSEUS

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mir wie Odysseus vorkomme, der homerische Irrfahrer, der friedliche Ge-stade verlassen mußte, um sich zu stürmischer Fahrt auf dem weiten Meereinzuschiffen. Ich wisse wohl, wie viele Klippen und Untiefen die See habe,fände jedoch Mut in dem Entschluß, was auch immer kommen möge, anzwei Vorsätzen festzuhalten: einmal meine Pflicht und Schuldigkeit zutun im Sinne des kategorischen Imperativs, auf dem der preußische Staataufgebaut sei, andererseits aber nie die Gebote der Gerechtigkeit, Billigkeitund wahren Menschlichkeit zu vergessen. Wie ein Nachklang j ener Abschieds-feier in Rom erschien mir ein Brief, den ich nach meinem Eintreffen in Berlin von dem größten damals lebenden deutschen Gelehrten, von TheodorMommsen , erhielt, den ich mit meiner Frau zu seinem 80. Geburts-tag beglückwünscht hatte. Er schrieb:Ew. Exzellenz haben im Verein mitIhrer hochverehrten Frau Gemahlin die Güte gehabt, sich eines alten Herrnfreundlich zu erinnern, der das Glück gehabt hat, in sonnigeren TagenIhres Schutzes und Ihrer Gastfreundschaft sich zu erfreuen. Wenn jedeErinnerung an Rom für mich eine Freude ist, so gilt dies vor allem von die-sem Doppelgruß, und bewahre ich in treuem Gedächtnis die dort von Ihnenmir vergönnte Gemeinschaft. Genehmigen Ew. Exzellenz den Ausdruckmeiner dankbaren Verehrung."

Während mich in Deutschland Presse, Publikum und Parlament miteiner Mischung von Mißtrauen und Geringschätzung empfingen, hatten aufGrund einer ihr von einemnon German observer of high Standing" zu-gegangenen Zuschrift dieTimes" über mich geschrieben:According toall probabilities Herr von Bülow will have before him the most successfullcareer of any German minister since Bismarck."

Nach Berlin zurückgekehrt, suchte ich vor allem den russischen Bot-schafter auf. Graf Osten-Sacken begann nach der alten und nicht unge- Unterredungschickten Praxis der russischen Diplomatie, immer von vornherein zu schel- n»£iten und zu klagen, mit der Behauptung, daß unser Vorgehen in Ostasien Osten-Sachenin Rußland den allerschlechtesten Eindruck machen und dem stärkstenWiderspruch begegnen würde. Ich erwiderte ihm, daß die russische Politikuns gegenüber jetzt an einem Wendepunkt stünde.Vous vous trouvezdevant une bifurcation." Wir könnten uns die ruchlose Ermordung deut-scher Missionare und gerade katholischer Missionare unmöglich gefallenlassen, nicht nur aus Gründen der deutschen inneren Politik und im Hin-blick auf Ehre und Ansehen des Reichs, sondern auch im Interesse allermit China Handel treibenden Nationen und schließlich auch im InteresseRußlands, das an China grenze. Schwierigkeiten, die uns Rußland aufdiesem Gebiet und in diesem Augenblick mache, würden uns natürlichnach der anderen Seite, in die westliche Richtung treiben. Wenn ich michin die Seele eines russischen Ministers des Äußeren hineindächte, so würde