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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER RÄNKESCHMIED HOLSTEIN

ich mich über eine deutsche Festsetzung in Ostasien freuen, aber meiner-seits den für Rußland nützlichsten Stützpunkt aussuchen und besetzen,als welcher ja in russischen Zeitungen schon lange Port Arthur genanntworden wäre. Osten-Sacken, der eine gute Feder schrieb,la grande plumedu cabinet de St. Petersbourg", wie es in seiner pompösen Weise Gortschakownannte, redigierte in meinem Beisein ein Telegramm an Graf Murawiew , daser mir zeigte. Ich telegraphierte gleichzeitig in dem gleichen Sinne an unsernBotschafter in St. Petersburg . Am selben Tage sprach ich mit dem eng-lischen Botschafter, dem ich die Notwendigkeit unseres Vorgehens in Ost-asien auseinandersetzte. Mein alter Freund Las Celles kannte sein Land zugenau, um nicht zu wissen, daß die englische Presse an dem Standpunkt desdog in the manger" festhalten würde, d. h. an der alten englischen Auf-fassung, daß politisch und vielleicht noch mehr wirtschaftlich niemand inder Welt etwas zu suchen habe als England , glaubte aber, daß die englischeRegierung einen ernstlichen Einspruch nicht erheben würde. Natürlich sei esaber möglich, daß auch sie nach einem Stützpunkt im Golf von Tschili Aus-schau halten würde. England entschied sich dann für Wai-Hai-Wai,schräg gegenüber Port Arthur, nicht weit vom Kap Schantung .

Erschwert wurde mir, und das in ernster Stunde, die kritische Lage

Holstein durch die Quertreibereien von Holstein, der nun einmal bei ungewöhnlichergegen Begabung ein unverbesserlicher, weil von pathologischem Mißtrauen er-

iau sc ou f u j] ter Ränkeschmied war.C'est pour des hommes pareils qu'on avait bätijadis la Bastille", bemerkte über Holstein einmal Donna Laura Minghetti,die im übrigen sein exzellentes Französisch und seinen Esprit schätzte.Weniger positiv als negativ, mehr zersetzend als aufbauend angelegt,war Holstein geneigt, sich für um so unentbehrlicher zu halten, je wenigersicher sich seine Vorgesetzten fühlten. Er nahm nicht mit Unrecht an, daßschwankende Gestalten anlehnungsbedürftiger wären als Männer, die mitfesten, markigen Knochen unerschütterlich stehen auf der wohlgegründeten,dauernden Erde. Bei solcher Auffassungsweise beunruhigte ihn die freund-liche Stimmung des Kaisers für mich. So verfiel er auf die Idee, in der ost-asiatischen Frage den Kanzler Hohenlohe anzutreiben, den StaatssekretärBülow aber zurückzuhalten. Während Holstein mir in aufgeregten Privat-telegrammen alle Gefahren des ostasiatischen Unternehmens in brennendenFarben an die Wand malte, feuerte er den Fürsten Hohenlohe an, dem Kaisergegenüber eine zuversichtliche und kühne Sprache zu führen. Ich durch-schaute aber das Holsteinsche Spiel und war auch von der politischenRichtigkeit meines Vorgehens viel zu überzeugt, um umzufallen. Auch warFürst Hohenlohe zu vornehm und zu alt, um sich auf solche Intrigeneinzulassen.

Bei diesem Anlaß wie später bei manchen anderen Gelegenheiten glich