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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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SEINE CHIFFRIERTEN TELEGRAMME

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Holstein dem Wachhund, der wohl das Haus gegen Diebe und Einbrecherschützt, bei dem man aber nie sicher ist, ob er nicht auch seinen Herrn ge-legentlich in die Beine beißen wird. Holstein hatte schon vom Fürsten Bis-marck die Ermächtigung erhalten, durch sogenanntePrivattelegramme",die chiffriert abgingen, aber nicht registriert wurden, direkt mit den Missions-chefs zu verkehren. Solche Holsteinschen Telegramme trugen an der Spitzeden Vermerk: Privat. Sie gaben Holstein natürlich die Möglichkeit starkerEinwirkung auf den Gang der Politik, zumal sie nicht in den Geschäftsganggegeben und auch nicht immer dem Reichskanzler und dem Staatssekretärvorgelegt wurden. Herr von Holstein stand mit Graf Paul Hatzfeldt, FürstPhilipp Eulenburg und Fürst Radolin in ständigem Verkehr durch Privat-telegramme; mit Monts, Eckardstein und anderen Dii minorum gentiumnur gelegentlich. Um gerecht zu sein, muß ich hinzufügen, daß Holsteindurch die Eigenart seines Charakters und seiner Stellung während seinerdreißigjährigen Tätigkeit im Auswärtigen Amt gewiß vielen und vielemgeschadet hat. Aber er hat nicht entfernt so viel Unheil angerichtet wieetwa Matthias Erzberger durch seine indiskrete Behandlung des Czernin-schen Berichts, seine ungeschickte und gewissenlose Führung der Waffen-stillstandsverhandlungen, seine Sabotierung der Mission des GrafenBrockdorff-Rantzau in Versailles , sein ganzes trotz einer gewissen Gut-mütigkeit aus Selbstsucht und Unwissenheit, Profitgier und plumpemDemagogentum gemischtes politisches Verhalten in den Jahren seiner Macht.

Ernstere Sorgen als die Quertreibereien von Holstein, an die ich seitJahren gewöhnt war, bereiteten mir die vielfach überspannten Erwartungenund Ansprüche unserer national gesinnten und insbesondere unsererkolonialen Kreise, seitdem mit der Entsendung unserer Flotte nach Ost-asien das Zeichen gegeben war, daß die Regierung es als ihre Pflicht be-trachte, unsere großen und immer größer werdenden überseeischen Inter-essen zu schützen. Die Götter, die unserem Volk so viele tüchtige, schöneund große Eigenschaften in die Wiege legten, haben ihm die politischeBegabung versagt. Als ich, aus einer Sitzung des Reichstags kommend,einmal darüber dem Ministerialdirektor Althoff klagte, erwiderte mir derbedeutende Mann mit dem ihm eigenen westfälischen Humor:Ja, wasverlangen Sie denn eigentlich? Wir Deutschen sind das gelehrteste unddabei das kriegstüchtigste Volk der Welt. In allen Wissenschaften undKünsten haben wir Hervorragendes geleistet, die größten Phüosophen, diegrößten Dichter und Musiker sind Deutsche. Neuerdings stehen wir in denNaturwissenschaften und auf fast allen Gebieten der Technik an ersterStelle und haben es zu einem ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwunggebracht. Wie können Sie sich da wundern, daß wir politisch Esel sind?Irgendwo muß es hapern." Die Gabe, die uns in der Politik vor allem versagt