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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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KAISERIN FRIEDRICH VERBITTERT

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denn die Zeit müsse kommen, wo bei noch verschärfter deutsch -englischerHandelskonkurrenz die deutschen Firmen in den englischen Niederlassungennicht mehr ihres Bleibens finden und ihre Ubersiedlung auf deutschen Grund und Boden suchen mußten. Ferner sei es absolut notwendig, diedeutsche Handelsflagge auf dem Yangtse bis tief landeinwärts häufigzu zeigen. Die deutschen Postdampfer müßten hierzu staatlicherseits ge-zwungen werden. Der Admiral bat mich ausdrücklich, Eurer Exzellenzseine vorstehenden Ideen zur Kenntnis zu bringen, und fügte hinzu, erhabe speziell über die amerikanische Angelegenheit eingehendere Aus-arbeitungen anfertigen lassen, in die Eure Exzellenz, wenn Sie es wünschten,gelegentbch Einsicht nehmen könnten.

Klehmet

an seineSchwester

In jenen entscheidungsvollen Tagen, die auf die Entsendung unseresKreuzergeschwaders nach Ostasien folgten, besuchte die Kaiserin Friedrich Eduard VII.meine Frau, bei der ich gerade weilte. Sie las mir einen Brief ihres ältestenBruders, des Prinzen von Wales , vor, der sich mit der deutschen Flotten-vorlage und der Entsendung deutscher Kriegsschiffe nach Kiautschoubeschäftigte. Die auf eine stolze, erfolgreiche Geschichte und die ge-sicherte insulare Lage des Landes gestützte Herrennatur des Engländerstrat in diesem Brief mit naiver Unbefangenheit zutager^Deutschland habeeine gute Armee, das müsse ihm genügen. Das Meer gehöre England .Insbesondere in Ostasien hätten die Deutschen nichts zu suchen. In Eng-land bestände ohnehin und nicht ohne Grund vielill-feeHng" gegenüberDeutschland, das wirtschaftlich mehr und mehr für England zu einemKonkurrenten würde, der unbequemer sei als Frankreich .

Es ist möglich, daß die Kaiserin Friedrich in verantwortungsvollerStellung, d. h. als Gemahlin eines nicht todkranken, sondern gesundenund längere Zeit regierenden Kaisers, sich allmählich mit den deutschenInteressen mehr identifiziert und deutsche Gefühle besser gewürdigt habenwürde. Ich möchte das eigentlich annehmen, denn eine mit hoher Stellungverbundene Verantwortbchkeit würde, zumal die steile Höhe von Gefahrenumgeben war, auf ihren eigenwilligen, aber weder oberflächbchen nochübermütigen Sinn eine erzieherische Wirkung ausgeübt haben. Als Kaiserwürde ihr Gemahl bei aller zärtlichen Liebe für seine Frau, die ihn ihrgegenüber bisweilen zu folgsam machte, keine Zugeständnisse auf Kostender Ehre seiner Krone gemacht haben, deren Hoheit und Würde seinfrommes Gemüt mit beinahe rebgiöser Ehrfurcht erfüllte. Als Kronprin-zessin, als von ungeduldiger Erwartung auf den Thron verzehrte und da-durch verärgerte Kronprinzessin und erst recht als unglückliche und ver-bitterte Kaiserin-Witwe betrachtete Kaiserin Friedrich alle Dinge nur noch