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DER INNERE FEIND
mit englischen Augen. Durch und durch Rationalistin im Sinne vonHerbert Spencer und John Stuart Mill , glaubte sie, daß es Zweck wie Auf-gabe der Menschheit sei, sich immer mehr zu vervollkommnen. Solche fort-schreitende Vervollkommnung erfolge am besten im Sinne englischerIdeen und Sitten, von den politischen Einrichtungen Englands bis zur eng-lischen Windsor-Soap. Deutschland könne sich England und dessen hohenZielen am besten nützlich machen und sich gleichzeitig selbst veredeln,wenn es sich im Kurs der englischen Politik halte wie ein kleines Boot, dasim Kielwasser einer großen Fregatte fährt. Vor allem müsse Preußen -Deutschland stets freudig bereit sein, für englische Interessen, die sichnun einmal mit dem Fortschritte der Menschheit und den höchsten Idealendeckten, dem barbarischen russischen Bären entgegenzutreten.
Seit wir in die kleine, aber von Hans Stobwasser geschmackvoll ein-gerichtete Villa des Staatssekretärs eingezogen waren, die vor mir GrafPaul Hatzfeldt, Graf Herbert Bismarck und Freiherr von Marschall be-wohnt hatten und die nach mir leider Gottlieb von Jagow, Richard vonKühlmann und andere Unzulängliche beziehen sollten, erschien dieKaiserin Friedrich fast jeden Morgen bei meiner Frau. Die Kaiserin standwie ihr ältester Sohn früh auf. Sie erschien schon um 8 Uhr. Meine Fraustand damals spät auf, sie lag um diese Zeit noch in den Federn. Die Kaiserinsetzte sich an ihr Bett, um ein Stündchen mit ihr zu verplaudern. Nie überbanale Dinge, noch weniger über Klatsch, sondern über Fragen und An-gelegenheiten, die Menschen von Geist zu beschäftigen würdig sind. Wennsie fortging, pflegte sie zu sagen: „I hope so much, Bernhard will not beangry, that I come so often and stay so long." Auch darin glich die Mutterdem Sohn, daß beide bei allem inneren Selbstbewußtsein im freundschaft-lichen Verkehr die Natürlichkeit selbst waren. Wenn Kaiser Wilhelm II. sich nur zu oft als Autokrat gab, was er weder verfassungsmäßig noch tat-sächlich war, so war dies nur nach außen. Wenn seine Mutter daran dachte,daß sie Princess Royal of Great Britain and Ireland war, so umgürtete siesich mit dem ganzen Stolz ihres Englands . In der Intimität waren beideeinfach und anspruchslos. Dagegen habe ich manche deutsche Beamte,Professoren und, last not least, Abgeordnete gekannt, die weit steifer, vielprätentiöser waren und mehr „posierten" als Wilhelm II. und seine Mutter.Am 30. November 1897 fand die Eröffnung des Reichstags statt. DieThronrede Rede, die der Kaiser einige Tage vorher bei der Vereidigung der Rekrutendes Gardekorps gehalten hatte, war kein glücklicher Auftakt für die bevor-stehende, entscheidende Session gewesen. Der Kaiser hatte die Rekrutenermahnt, ihm zu gehorchen, „sei es gegen einen Feind nach außen oder nachinnen". Er hatte vom lieben Gott gesprochen, „der uns nie verläßt", hatteunser Heer siegreich und unüberwindlich genannt und sich zu der Äußerung