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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER PLATZ AN DER SONNE

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Berlin an der Spitze ihrer Nummer ein Bild gebracht, das die Regierungals eine Kinderfrau darstellte, die drei älteren Damen ein Baby präsen-tiert. Die Damen waren das Zentrum, die Konservativen und die Liberalen,das Baby war ich. Die Regierung meint zu den Parteien:Da, schaut her,das ist das jüngste Ministerchen, ein prächtiger Bub', dieser Bülow, nichtwahr?" Die Parteien antworten:Na, man muß abwarten, wie er sich ent-wickeln wird; das wird man aber erst erkennen, wenn der Kleine zu redenanfängt." Diese hübsche Zeichnung eröffnete die Sammlung der über micherschienenen Karikaturen, die schließlich auf dreißig stattliche Bände an-schwellen sollte. Ich bin als Wickelkind abgebildet und so, wie mich derStift des Karikaturisten bis zuletzt darstellen sollte: mit einem Grübchenim Kinn und dem Scheitel in der Mitte. Das Grübchen ist geblieben, derScheitel verschwand mit den jugendlichen Locken.

Der Berliner Korrespondent derFrankfurter Zeitung ", August Stein,der mir trotz vieler politischer Divergenzen später persönlich ein guterFreund werden sollte, veröffentlichte am Tage vor meinem Debüt imReichstag einen Begrüßungsartikel, in dem es nicht ohne Malice hieß:Herr von Bülow, der neue Leiter des Auswärtigen Amtes, tritt als voll-ständiger parlamentarischer Neuling vor den Reichstag . Es muß sich zeigen,oh ein ungewöhnlich geistvoller Causeur auch ein parlamentarischerRedner ist. Ludwig Bamberger war wohl der letzte, der in diesem Stilzu sprechen verstand. Inzwischen hat sich im Reichstag manches, auch derStil der Debatten geändert. Sollte Herr von Bülow im Reichstag die Sprachesprechen, die man ihm im Salon und in der Privatunterhaltung nachrühmt,dann dürfte er im gegenwärtigen Reichstag mehr auf Verwunderung alsauf Verständnis stoßen." Ex post meine ich, es war vielleicht gut, daß ichbei der ersten öffentlichen Rede, die ich in meinem Leben gehalten habe,ganz unvorbereitet sprach. Ich habe später viel, vielleicht zu viel geredet,aber immer gefunden, daß ich aus dem Stegreif am besten sprach. Es gibtja auch Maler, denen Skizzen besser gehngen als sorgsam ausgeführteGemälde. Ich schloß meine Rede vom 6. Dezember 1897 mit den Worten:Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unserenPlatz an der Sonne", ohne zu ahnen, daß ich damit meinen Einzug in denBüchmann halten würde, den ich damals noch gar nicht kannte. Als ineinem Moment meiner Rede im Hause Heiterkeit entstand, kam mir derGedanke, ob vielleicht die Art meines Sprechens, mein Vortrag oder meineHaltung, was ja bei einem parlamentarischen Homo novus nicht allzuverwunderhch gewesen wäre, die Lachlust der Volksvertretung reize. Wäh-rend ich weitersprach, überlegte ich mir denn man kann sehr wohl redenund dabei an andre Dinge denken, was ich tun würde, wenn die Heiterkeitfortdauerte oder gar zunähme. Ich erinnerte mich, daß in einer ähnlichen

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