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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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BÜLOW PRIMUS

Lage bei seiner Jungfernrede der große englische Parlamentarier Disraeli dem Parlament zugerufen hatte, jetzt lache man ihn aus, später würde manihn anhören, und beschloß, im Notfall etwas Ahnhches zu sagen. Gott seiDank unterließ ich diese nach Lage der Dinge völlig deplacierte Apostrophe,die eine Dummheit gewesen wäre, und führte meine Rede so ruhig zu Ende?wie ich sie begonnen hatte. Als ich mich wieder setzte, ersah ich aus denverstimmten Gesichtern meiner Kollegen, daß ich nicht allzu übel geredethaben könnte. Mein alter Freund Villers in Wien meinte einmal, was den Neidund die Eifersucht anlange, bestünde kein Unterschied zwischen demCorps diplomatique und dem Corps de ballet. Was für das diplomatischeKorps gilt, trifft erst recht für ein Kollegium von Ministern und Staats-sekretären zu. Das war früher so, und jetzt werden die Minister auch wohlkaum fein und lieblich wie Brüder einträchtig beieinander wohnen. Ichwar beruhigt, als ich Miquel hinter mir sagen hörte:Bülow primus."Aus dem Munde dieses alten Parlamentariers, großen Redners und genialenMannes tat diese Äußerung dem Neuling wohl.

Am nächsten Morgen las ich in dem verbreitetsten BerHner Blatt, demLokal-Anzeiger":Die Jungfernrede des Staatssekretärs von Bülow wargeradezu eine Überraschung. Mochte man über die Wirksamkeit des Frei-herrn von Marschall urteilen, wie man wollte, daß er ein Redner erstenRanges war, ließen auch seine erbittertsten Feinde gelten. Seinem Nach-folger war man ohne weiteres geneigt nach dieser Richtung hin mildesteBeurteilung zuzugestehen. Herr von Bülow kann getrost auf jede zarteRücksichtnahme in der Beurteilung seiner rednerischen Qualitäten ver-zichten. Er ist zweifellos ein geborener Redner." Der Kaiser telegraphiertemir am nächsten Tage:Von ganzem Herzen wünsche Ich Ihnen Glückzu der herrlichen Rede, mit der Sie vor dem Reichstag debütiert haben.Zugleich Meinen wärmsten Dank im Namen Meiner Marine. Der Eindruckscheint ein hervorragender zu sein." Schon vorher, wenige Stunden nachmeinem Maidenspeechim Reichstag, hatte mir Herbert Bismarck geschrieben:

Berlin , den 6. Dezember 1897

Lieber Bülow,

ich habe mich über Ihren heutigen glänzenden Erfolg im Reichstag vonganzem Herzen gefreut und muß meiner Empfindung mit einer warmenGratulation Ausdruck geben. Im Hause habe ich mich lieber enthalten,Sie persönlich zu begrüßen, obgleich ich es objektiv gern getan hätte wiedie Sachen aber liegen, könnte Ihnen das höchstens Schaden bringen, nachmehr wie einer Richtung. Sie werden mich verstehen, ich wollte Ihnen dieseZurückhaltung aber doch selbst erklären und Ihnen sagen, daß sie lediglichmit Rücksicht auf Ihre Stellung erfolgte, von der niemand mehr wünschen