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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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EUGEN RICHTER

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Ein anderes Mitglied der Nationalliberalen Partei, Ernst Basser mann,besaß nicbt die Tiefe von Bennigsen, aucb nicbt den Zauber von Miquel,aber er -wirkte durch seine edle Persönbchkeit, deren Ausdruck seine Bedenwaren. Er konnte irren und hat wie jeder hier und da geirrt. Aber, was soviele vorgeben, ohne danach zu handeln: für Ernst Bassermann standwirklich das Vaterland über der Partei, geschweige über persönlicherSelbstsucht. Eugen Bichter war als Bedner für mich eine Enttäuschung.So sehr ich seine Arbeitskraft, seine Beherrschung aller Etatsfragen, seinenselbstlosen Charakter schätzte, auf der Bednertribüne fand ich ihn mehrals mittelmäßig. Er sprach mit einem langen Zettel in der Hand, auf dener nicht nur Stichworte, sondern auch Witze notiert hatte, die er machenwollte. Es war ihm schon vorher im Gesicht anzusehen, wenn ein Witzkommen sollte. Derselbe Witz wiederholte sich zu häufig. So pflegte er beijeder Etatsdebatte mit einem boshaften Blick auf die Ministerbank denVers aus dem 103. Psalm zu zitieren, wo der Mensch mit der Blume auf demFelde verglichen wird, der Wind gehet darüber, so ist sie nimmer da, undihre Stätte kennet sie nicht mehr. Eugen Bichter erinnerte unwillkürlichan jene Professoren, deren Zuhörer schon im voraus den nahenden Witzahnen, der sorgfältig im Manuskript des Bedners verzeichnet ist, damit derHörer nachher um so besser sieht, daß der Professor nichts sagt, als was imBuche steht. Als Bedner war dem Abgeordneten Bichter ein Professor,Freiherr von Hertling, der spätere Beichskanzler, entschieden überlegen.Er hatte sich schon in jungen Jahren als Privatdozent in Bonn habilitiert.Große Kurzsichtigkeit zwang ihn, frei zu sprechen. Er redete nicht nurganz frei, sondern mit vollendeter Sicherheit, oft sehr fein, aber es fehlteihm die Wärme, er hatte nichts Begeisterndes, nichts Hinreißendes. Hierlag die Stärke von Bebel, dessen Beden sich für die Hörer besser ausnahmenals für den Leser und der mehr durch Temperament als durch tiefe oder garklare Gedanken wirkte. Bebel hielt im Grunde immer die gleiche Bede.

Als der beste Debatter in deutschen Parlamenten erschien mir der Ab-geordnete von Heydebrand, der klar, inzisiv, schlagfertig sprach. Freilichwar er eine Bestätigung des soeben erwähnten Wortes von Bismarck, daßgute Bedner meist schlechte Politiker wären und daß mit Bedegabe aus-gerüstete Parteiführer nur um so schädlicher wirken. Wenn im Beichstaggegen die Bechte ein scharfer Angriff erfolgte, so boten ihre Vertreter dasBild eines Hühnerhofs, über dem ein Baubvogel seine Kreise zieht. Allessah sich an, aber niemand war bereit, sofort zu antworten. Dann erging einHilferuf nach dem Abgeordnetenhaus, wo Herr von Heydebrand häufigerweilte als im Beichstag. DerKleine", wie er in seiner Partei genannt wurde,erschien, ließ sich rasch über den vorausgegangenen Angriff orientieren,warf einen selbstbewußten Blick auf seine Parteigenossen und antwortete