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VON HEYDEBRAND BIS PAASCHE
oft durchschlagend, meist wirkungsvoll, bisweilen freilich sehr rabulistisch.Der langjährige Führer der Freikonservativen, Wilhelm von Kardorff ,stand an Schlagfertigkeit Heydebrand kaum nach, übertraf ihn aber er-heblich an politischer Einsicht und staatsmännischer Begabung. Der lang-weiligste Redner, der mir vorgekommen ist, war der freisinnige AbgeordneteGothein. Wenn er lange sprach, und er sprach fast immer sehr lange, ver-sanken auch die eifrigsten und im allgemeinen aufmerksamsten Mitgliederdes Hauses in einen sanften Schlaf. In Abgeordneten- und Journahsten-kreisen kursierte die Scherzfrage: „Was ist das sicherste Schlafmittel?Antwort: Chloral. Nein! Etwa Veronal? Nein! Kokain? Nein! Doch nichtStrychnin? Auch Strychnin nicht, sondern Gothe—i—n. Dem widerstehtnichts." Der banalste Redner, den ich hörte, war Philipp Scheidemann .Nie kam aus seinem Munde eine Wendung, ein Argument, ein Witz, dienicht schon soundso oft im „Vorwärts" gestanden hatten. Scheidemannsnoch dazu prätentiös vorgebrachte Reden gHchen abgegriffener Scheide-münze, die schon durch Hunderte von fettigen Fingern gegangen ist.Friedrich Naumann , der erst gegen das Ende meiner Amtszeit bei denWahlen von 1907 in den Reichstag gelangte, galt für einen Redner. Ichkann dies nur bis zu einem gewissen Grade zugeben. Der langjährige Mit-arbeiter der „Frankfurter Zeitung ", August Stein, pflegte, wenn von Nau-mann die Rede war, ein Wort des Famulus Wagner aus dem „Faust " zuzitieren:
Ich hab' es öfter rühmen hören,
Ein Komödiant könnt' einen Pfarrer lehren.
Aus den Reden von Naumann sprach immer der frühere Kanzelrednermit schönem Vortrag, aber mit etwas zu pastoraler Betonung, hier und damit nicht ganz echtem Ton. Wenn es nur auf die Volubilität des Sprechensangekommen wäre, so würde der nationalhberale Abgeordnete Pa a s c h e denVogel abgeschossen haben. Man wollte ihm nachgerechnet haben, daß er ineiner Minute hundert Worte aus dem Gehege seiner Zähne hervorsprudelnkönne. Was er von sich gab, war meist recht unbeträchtlich. Er war vorder Revolution der einzige Abgeordnete, der, um einen damals noch un-bekannten, jetzt allgemein geläufigen Terminus technicus zu gebrauchen,für einen „Schieber" galt. Vor der Revolution wurden Abgeordnete, dieunerlaubte oder auch nur gewagte Geschäfte unternommen hatten —ich entsinne mich an einen oder zwei Fälle —, ohne viel Lärm, aber nach-drückbch von ihrer Partei abgeschüttelt. Es sollte die Zeit kommen, woein Mann, dem gerichtlich unanständige Vermischung privater Geschäftemit politischer Tätigkeit bescheinigt worden war, eine leitende Rolle inunserem öffentbchen Leben spielte, wo amtierende Reichskanzler diesem