DIE „GEPANZERTE FAUST"
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Mann bei seinen Lebzeiten huldigten, nach seinem Tode ihn zum National-heiligen emporschraubten. Es war bezeichnend, daß, als die Bloßstellungvon Matthias Erzberger begann und sogar schon recht weit vorgeschrittenwar, Herr Paasche ihn in öffentlicher Rede als eines der kenntnisreichstenund arbeitsfreudigsten Mitglieder des Deutschen Reichstags feierte. HerrPaasche war es auch, der um die gleiche Zeit, wo er Erzberger begeistertesLob spendete, bei der Rückkehr des Staatssekretärs von Kühlmann ausRumänien nach Berlin auf dem Anhalter Bahnhof diesen in demselbenMoment als den Sieger im diplomatischen Kampfe in Bukarest begrüßte,wo Herr von Kühlmann durch diplomatische Unfähigkeit wie durch seinAuftreten in der rumänischen Hauptstadt unsere Freunde und Anhängerin Bulgarien, Rumänien und der Türkei in peinliche Verlegenheit versetzthatte.
Wilhelm II. hatte seinem Bruder, dem Prinzen Heinrich, versprochen,daß er ihm vor dessen Abfahrt nach China einen Abschiedsbesuch in Kiel Redeabstatten würde, und mich aufgefordert, ihn dorthin zu begleiten. Am des KaisersMorgen unserer Abreise, am 15. Dezember 1897, erhielt ich ein Telegramm in ^ ielaus St. Petersburg, aus dem ich ersah, daß meine Unterredung mit demGrafen Osten-Sacken und meine gleichzeitig an unsere Botschaft inSt. Petersburg ergangene Instruktion Erfolg gehabt hatten. Die russischeRegierung gab ihren Widerstand gegen unsere Festsetzung in Kiautschouauf, indem sie gleichzeitig ein russisches Geschwader nach Port Arthur entsandte, um diesen für sie wichtigen Hafen zu besetzen. Mir fiel ein Steinvom Herzen. Wie es aber dem Menschen bisweilen begegnet, daß er geradeim Augenblick einer glücklichen Wendung eine Dummheit macht — stattdiese gute Nachricht bis auf weiteres für mich zu behalten, teilte ich sie schonwährend der Eisenbahnfahrt nach Hamburg dem Kaiser mit. WäreWilhelm II. nicht durch diese frohe Kunde nach seiner Art alsbald in über-mütige Stimmung versetzt worden, so würde er wahrscheinlich am Abenddieses Tages nicht die bedauerliche Rede von der „gepanzerten Faust"gehalten haben. Zunächst trafen wir in Hamburg ein, wo wir die Börsebesuchten. Der große Börsensaal war gedrängt voll. Der Hamburger „Ehr-bare Kaufmann" war in Massen erschienen, um seiner Freude über unserVorgehen in Ostasien Ausdruck zu geben. Im Namen der Börse hielt AdolfWoermann, einer der tüchtigsten Hamburger Großkaufleute, mit einerwahren Bärenstimme und unter begeistertem Beifall der Kaufmannschafteine Ansprache, in der er dem Kaiser dankte, daß er unsere Handelsbezie-hungen zu Ostasien, wo Hamburg und Deutschland große Zukunftsaus-sichten winkten, unter seinen starken Schutz genommen habe. Mit seinenHoffnungen und Wünschen stehe ganz Hamburg hinter dem Kaiser undsemer Regierung. In diesem Augenblick fühlte jeder den Pulsschlag der