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DER KAISER UND SEIN BRUDER
größten deutschen Handelsstadt, die, schon bevor es ein Deutsches Reich gab, deutscher Arbeitskraft und Unternehmungslust in allen Weltteilen undgerade auch an den Gestaden des Stillen Ozeans die Wege gewiesen hatte.
Das Diner in Kiel fand im Schlosse statt. Erfüllt von den Eindrückendieses Tages, gehoben durch den Erfolg der diplomatischen Behandlungunseres Unternehmens, für die er mir in der wärmsten Weise dankte,brachte der Kaiser einen Trinkspruch aus, in dem er Schwungvolles undwirklich Schönes, auch mit der ihm eigenen hervorragenden Assimilations-fähigkeit manches Zutreffende sagte, das ich während der Fahrt nach Kiel ihm vorzutragen Gelegenheit gefunden hatte, in dem sich aber einige sehrunglückliche Äußerungen befanden. Die Wendung von dem deutschenMichel, der seinen mit dem Reichsadler geschmückten Schild fest auf denBoden gestellt hat, mochte hingehen, wiewohl sie von dem Kaiser redne-risch und mit dem Zeichenstift schon wiederholt zum Ausdruck gebrachtworden war. Bedenklicher war die Erklärung, daß Prinz Heinrich, wennirgend jemand es unternehmen sollte, uns zu kränken, mit „gepanzerterFaust" dreinfahren möge. Das Wort von der „gepanzerten Faust" solltenamentlich in der englischen Übersetzung als „mailed fist" bei allen An-griffen der uns feindlichen Presse viele Jahre immer wiederkehren und inden Augen der Welt aus dem im Grunde gutmütigen und wohlwollenden,jedenfalls unkriegerischen Wilhelm II. einen neuen Dschingis-Chan machen.An diese bedauerliche Drohung mit der gepanzerten Faust knüpfte derKaiser die Aufforderung an seinen Bruder, sich den Lorbeer um die jungeStirn zu flechten, den niemand im ganzen Deutschen Reich ihm neidenwürde. Als letztere Worte fielen, flüsterte mir Lucanus, der neben mir saß,leise zu: „Damit will er den Bruder beruhigen, damit dieser nicht fürchtet,durch einen etwaigen Erfolg die kaiserbche Eifersucht zu erregen."Enthielt die kaiserbche Anrede an den Bruder nur einige bedauerlichePrinz Stellen, so war die Antwort des Prinzen Heinrich von Anfang bis zu EndeHeinrich eme fürchterhche Entgleisung. Prinz Heinrich hatte von seinem herrbchenanticortet y ater n i cn t allein die schöne äußere Erscheinung geerbt. Er war wie diesereine durch und durch noble Natur. Er hatte ein goldenes Herz. Mit unge-wöhnbcher Körperkraft ausgestattet, war er jeder Anstrengung gewachsen.In einfachen Verhältnissen geboren, würde er ein treffbcher Matrose,Steuermann, Schiffskapitän geworden sein und in jedem Sturm seinenMann gestanden haben. Es fehlte dem Prinzen Heinrich auch keineswegs angesundem Menschenverstand. Aber sein argloser und schbchter Sinn rechnetenicht immer mit der Schlechtigkeit der Menschen und der Welt, und imIrrgarten der Pobtik fand er sich schwer zurecht. In seiner boshaften Artmeinte Hinzpeter einmal zu mir: „An dem Prinzen Heinrich können Siesehen, wie der Kaiser geworden wäre, wenn ich nicht seine Erziehung in die