LUCANUS NERVÖS
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Hand genommen hätte." Wobei übrigens noch die Frage ist, ob alles inallem dem Deutschen Reich mit dem Prinzen Heinrich als Kaiser nichtbesser gedient gewesen wäre als mit dem weit begabteren, aber auch wider-spruchsvolleren, phantastischen und unzuverlässigen älteren Bruder. DieRede des Prinzen Heinrich vom 15. Dezember war von dem Gedankengetragen, daß es dem Kaiser schwer geworden wäre, sich nicht in eigenerPerson an die Spitze des China-Unternehmens zu stellen. „Euer Majestät",rief der Prinz, „haben die große Entsagung gehabt, mir dieses Kommandoanzuvertrauen." Dafür dankte der Prinz aus „treustem, brüderlichstemund untertänigstem Herzen". Er kenne sehr wohl die Gedanken SeinerMajestät und wisse, wie schwer das Opfer sei, wenn Seine Majestät ihmein so schönes Kommando anvertraue. Das sei es, was ihn am tiefstenbewege. Er versichere aber Seiner Majestät, daß ihn nicht Ruhm noch Lor-beer locke, ihn ziehe nur eins: „das Evangelium Eurer Majestät geheiligterPerson im Ausland zu künden, zu predigen jedem, der es hören will, undauch denen, die es nicht hören wollen." Das wolle er auf seine Fahne ge-schrieben haben und wolle es schreiben, wohin er immer ziehe. Die Redeschloß mit einem „Immer und ewig: hurra, hurra, hurra!"
Als ich mich nach Aufhebung der Tafel mit Lucanus in ein leerstehendesZimmer zurückzog, um die ausgetauschten Trinksprüche vor ihrer Ver-öffentlichung durchzusehen, erklärte ich ihm, daß weder die „gepanzerteFaust" noch die exzentrischen Stellen der prinzHchen Antwort veröffent-licht werden dürften. Der Chef des Zivilkabinetts widersprach mit großerBestimmtheit. Eine nun schon fast zehnjährige Erfahrung habe bewiesen,daß durch Vertuschen derartiger Entgleisungen die Sache nur schlimmerwürde, denn gerade die frappanten Äußerungen fänden doch in irgendeinerWeise ihren Weg in die Presse. Auch würde die Unterdrückung derjenigenStellen seiner Rede, die er als die schönsten betrachte, und vor allem dieVerstümmlung der Huldigung seines Bruders den Kaiser tief verstimmen.„Wir haben uns", meinte Herr von Lucanus, „die größte Mühe gegeben,Eure Exzellenz heranzubringen. Ich, Hahnke, August Eulenburg, mancherandere. Wir halten Sie für den einzigen Mann, der imstande ist, auf derstürmischen See, in die unser Kaiser das Reichsschiff nun einmal gelenkthat, das Fahrzeug zu steuern, ohne es auf Klippen oder Untiefen zu setzen.Wir halten Sie für den einzig möglichen Reichskanzler, wenn der alteHohenlohe es nicht länger machen kann. Wenn Sie sich von vornherein inein gereiztes Verhältnis zum Kaiser bringen, werden Sie es nicht lange trei-ben. Wenn Sie mir antworten sollten, daß Sie dann eben gehen würden, sosage ich Ihnen, daß ich Ihren Abgang aus solchen Gründen und unterdiesen Umständen als eine Fahnenflucht betrachten würde. Nehmen Siesich ein Beispiel an dem Chef des Generalstabs, dem Grafen Schlieffen ,