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DAS GESICHT DES KAISERS WIRD LÄNGER
der dem Kaiser bei den Manövern allen Unsinn durchläßt, wenn er nurdafür in großen Fragen und für den Ernstfall freie Hand erhält." DieKritik, die ein großer Ted der deutschen Presse an den Kieler Trinksprüchenübte, bestätigte nur zu sehr alles, was ich Lucanus gegenüber ausgeführthatte. Selbst die „Kreuzzeitung " wies darauf hin, daß nur ein Evangeliumgepredigt werden dürfe, das sei jenes, von dem es in acht Tagen heißenwürde: „Euch ist heute der Heiland geboren." Viel schärfer lautete dasUrteil der deutschen liberalen wie der klerikalen und vollends der auslän-dischen Presse. Die „Times" meinte, es wäre allenfalls zu verstehen, daßPrinz Heinrich das Evangelium seines Bruders denjenigen verkündigenwolle, die danach verlangten. Aber es auch denjenigen zu predigen, die esgar nicht hören wollten, das ginge wirklich zu weit.
Etwa acht Tage nach jenen überschwenglichen Kieler TrinksprüchenPrinz erhielt der Kaiser in meinem Beisein einen Brief von seinem Bruder, derHeinrich bei au f semer Fahrt von Kiel nach Ostasien einen kurzen Aufenthalt in Eng-ter Queen j an( j g enommen hatte, um seine dortigen Verwandten, insbesondere seineGroßmutter, die Königin Victoria, zu besuchen. Der Kaiser öffnete erwar-tungsvoll den Brief seines Bruders, begierig, zu hören, was man am eng-lischen Hof über das Kieler Fest gesagt habe. Sein Gesicht wurde immerlänger, während er das brüderliche Schreiben las; andererseits wollte er dieeinmal vor mir laut begonnene Lektüre nicht unterbrechen, damit ich nichtam Ende noch Schlimmeres vermutete, als der Prinz tatsächlich geschriebenhatte. Freimütig, wie es seine Art war, meldete Prinz Heinrich seinem Bru-der, daß die Reden, die sie beide bei dem schönen Kieler Fest gehaltenhätten, am englischen Hofe nicht so bewundert worden wären, wie sie ge-hofft hätten. „Großmama" habe es mit offenbarer Absicht vermieden,die Kieler Ansprachen überhaupt zu berühren. „Uncle Bertie" habe bos-hafte Bemerkungen über die Reden gemacht, die anderen Oheime undTanten fänden sie bedauerlich. Prinz Heinrich war durch diese verwandt-schaftliche Kritik, wie aus seinem Brief hervorging, stark impressioniert.Seine Mutter, die Kaiserin Friedrich, hatte über seine Rede an meine Fraugeschrieben: „Henry is such a dear boy, but his speech was very foolish."Es lag in der biederen Art des Prinzen Heinrich, daß er, darin anders alsdie meisten Fürstlichkeiten, an allen seinen Verwandten mit rührenderTreue hing.
Ich muß hinzufügen, daß die Briefe, die Prinz Heinrich während seinerFahrt nach dem fernen Osten an den Kaiser richtete und die dieser mirregelmäßig mitteilte, sehr verständig waren. Am 11. Juli 1898 schrieb erseinem Bruder hocherfreut, daß die Schantung-Kohle sich glänzend be-währe: „Einige Tonnen chinesischer Kohle, die ich aus dem oft besproche-nen Kohlengebiet probeweise erhielt und mit denen ich Parallelversuche