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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER JUNGE HELFFERICH

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sailles für den Fürsten Bismarck ein in französischer Sprache erscheinendesBlatt, das für uns Propaganda machte, überwarf sich aber später mit demFürsten, mit dem er im Reichstag Auseinandersetzungen hatte, die vonseiner Seite mit spitzem Florett, vom Fürsten zu sehr mit Keulenschlägengeführt wurden. Ludwig Bamberger war ein kenntnisreicher Mann mit denbesten Formen, ein feiner Verstand. Damals schon kränklich, ging er in dendunklen Herbsttagen bisweilen, auf meinen Arm gestützt, um die Rousseau-Insel und um den Goldfischteich im Tiergarten. Eines Tages sagte ermir:Sie haben in Ihrer Kolonialabteilung einen Anfänger, für den ichmich interessiere. Sein Vater ist Vertrauensmann der Freisinnigen Parteiin der Pfalz. Er selbst ist Demokrat und Goldwährungsmann. Aber Siehaben, obwohl persönlich mehr konservativ gerichtet, keine Vorurteile.Lassen Sie sich den jungen Helfferich kommen, er wird Ihnen nicht miß-fallen." Einige Tage später stieß ich in demselben Tiergarten, vor derselbenRousseau-Insel, auf den Begründer und Leiter der Deutschen Bank, denfreisinnigen Abgeordneten Georg Siemens . Er sagte zu mir:In der Kolo-nialabteilung arbeitet unter Ihnen ein junger Mann, an dem ich Interessenehme. Sein Vater wirkt für unsere Partei in der Pfalz, er selbst steht poli-tisch wie wirtschaftlich links. Aber ich glaube, Sie haben keine vorgefaßtenMeinungen, lassen Sie sich den Jüngling einmal vorstellen, er wird Ihnengefallen." Ich ließ mir den jungen Helflerich kommen und fand in ihm inder Tat einen Menschen von rascher Auffassung, sehr strebsam, sehr ambi-tiös, was die Franzosen ,,un arriviste" nennen, ein Anfänger, der partoutetwas werden will. Ich habe ihn gefördert und auch dem Kaiser vorgestellt,dem er zusagte. Dieser begabte Debütant sollte sich mit der Zeit nach derAnsicht der Politiker zu einem vorzüglichen Finanzier, nach Ansicht derFinanzleute zu einem Staatsmann entwickeln, er sollte ein nicht üblerStaatssekretär des Reichsschatzamtes, ein mittelmäßiger Staatssekretärdes Innern, ein mißglückter Gesandter in Moskau werden. Er sollte zeit-weise nach dem höchsten Amt im Reiche streben, er sollte endlich mit schar-fer und grausamer Dialektik in einem berühmten Prozeß Matthias Erz-berger moralisch zur Strecke bringen und sich selbst zu einer leitenden Stel-lung in der konservativen Partei emporschwingen. Eine Eisenbahnkata-strophe sollte viele Jahre später den Hoffnungen und Entwürfen dieseshochbegabten Mannes ein jähes und tragisches Ende bereiten.

Inzwischen hatten sich die Gewitterwolken, die seit Monaten über denspanisch-amerikanischen Beziehungen lagerten, in einem Kriegsgewitter Der spanisch-entladen. Um die Perle der Antillen, Kuba , war es zum Kriege zwischen amerikanischeden Vereinigten Staaten und Spanien gekommen. Ich habe schon erwähnt, Krie Sdaß Wilhelm II. mit seinen Sympathien, und er nahm nach seiner Naturimmer und überall mit dem Gefühl Partei, ganz auf spanischer Seite stand,