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WILHELM II. FÜR DEN HIDALGO
teils aus Abneigung gegen die republikanische Staatsform in Amerika ,teils aus persönlicher Freundschaft für die österreichischen Brüder derKönigin-Regentin von Spanien. Wilhelm II. gehörte zu den vielen Leuten,die gern glauben, was sie wünschen. Er war überzeugt, daß die Spanier alsSieger aus diesem Duell hervorgehen würden. In einem Marginal vorn3. April 1898 erklärte er apodiktisch: „Der Hidalgo wird den Bruder Jona-than sicher verhauen, denn die spanische Flotte ist stärker als die ameri-kanische." Zu meinem Erstaunen glaubten auch manche unserer Militärsund sogar nicht wenige Marineoffiziere an die Überlegenheit der spanischen Flotte und des spanischen Heeres. Die Überschätzung der Österreicher,Russen und Spanier war bei uns seit jeher üblich wie die Unterschätzungder Franzosen , Italiener, Amerikaner und, wenigstens soweit ihre mili-tärische Leistungsfähigkeit in Frage kam, auch der Engländer. Ich warbemüht, den Kaiser davon zu überzeugen, daß wir uns strenger Neutralitätund vorsichtiger Zurückhaltung aus vielen Gründen, aber auch deshalbbefleißigen müßten, weil der Endsieg der Amerikaner sicher wäre. DieSpanier wären ein tapferes, ritterliches, ein nobles Volk mit einer ruhm-vollen Geschichte und mit stolzen Erinnerungen. Sie hätten der Weltgroße Dichter und große Maler geschenkt, aber die Amerikaner wärenihnen an Volkszahl wie an wirtschaftlichen Hilfsquellen zu sehr überlegen,als daß der Endausgang zweifelhaft sein könne. Ich habe gegen starkeWiderstände und trotz mancher Seitensprünge an oberster Stelle einendieser meiner Auffassung entsprechenden Kurs während des ganzen Ver-laufs des spanisch-amerikanischen Krieges eingehalten. Andererseits ver-hehlte der Kaiser weder seine Vorliebe für Spanien noch die Erwartung,daß die Landsleute des Cid die Oberhand behalten würden. Unserer nachOstasien gesandten Flotte war dieser Standpunkt Seiner Majestät wohl-bekannt.
Wilhelm II. machte aus seinem Herzen um so weniger eine Mördergrube,als er wußte, daß die große Mehrheit des deutschen Volkes ebenso dachteund fühlte wie er. Unser Volk, das seit jeher in der Politik mehr dem Gefühlals kühler Erwägung folgt, sympathisierte mit den Spaniern gegen dieAmerikaner, wie es bald nachher mit seinem ganzen Herzen auf der Seiteder Buren gegen die Engländer stehen sollte. So hatte es einst für die Polen gegen die Russen geschwärmt und sollte sich während des Weltkriegs, gegenseine eigenen direkten und vitalen Interessen, wenigstens in gewissenKreisen, mit Bethmann Hollweg, Friedrich Naumann, Hans Delbrück undanderen schlechten politischen Musikanten an der Spitze, wieder für Polen begeistern. Es liegt ein tiefer Sinn darin, daß nur in der deutschen Sprachedas Wort „Kannegießer" existiert, d. h. der Begriff des rein gefühlsmäßigen,allen Realitäten, vor allem dem eigenen Vorteil abgewandten, durchaus