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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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MANILA BESETZEN

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theoretischen und unpraktischen Hin- und Herschwätzens über politischeVorgänge. Wenigstens in seiner Neigung zumKannegießern" war Wil-helm II. ganz deutsch. Er telegraphierte mir im April 1898:Tirpitzist felsenfest davon überzeugt, daß wir Manila haben müssen und daß dasvon enormem Vorteil für uns sein würde. Sobald die Revolution Manüavon Spanien losgerissen hat, müssen wir es besetzen." Der Kaiser glaubteauf Grund der ihm von unserem Kreuzergeschwader zugegangenen Nach-richten, daß die Spanier mit der Insurrektion auf den Philippinen nichtfertig werden würden. Er war aber gleichzeitig überzeugt, daß die ameri-kanische Flotte von der spanischen geschlagen werden würde. Dann,meinte er, würde uns Manila als reife Frucht in den Schoß fallen. Vielleichtwürden die Spanier uns sogar bitten, die Ordnung auf den Philippinenwiederherzustellen, und uns dann als Belohnung Manila anbieten. Durchsolche Phantastereien machte die schwere Niederlage der Spanier beiCavita einen dicken Strich. Ich war im Neuen Palais, als der Kaiser dieNachricht von der Vernichtung der spanischen Flotte erhielt. Sein Er-staunen über diese Wendung war ebenso groß wie seine Unzufriedenheit.Er faßte sich aber bald und forderte mich in freundlichster Weise auf, dasLand und ihn ohne Schaden aus dieser Situation herauszuwickeln. Nunhatte der Kaiser, in dessen Natur wie in der mancher Deutscher eine ge-wisse gutmütige, halb naive Aufdringlichkeit lag, unserem Geschwaderempfohlen, sich eintretendenfalls möglichst in der Nähe einer etwaigenspanisch-amerikanischen Seeschlacht zu halten, um aus der Beobachtungeiner solchen nützliche Lehren für uns zu ziehen. Der Kaiser freute sichschon im voraus auf die zu erwartenden Berichte. Infolgedessen hatte sichunsere Flotte dem eigentlichen Kriegsschauplatz viel zu sehr genähert.

Das erweckte in Amerika Mißtrauen und Unruhe. Von französischerund noch mehr von englischer Seite wurde in das Feuer des amerikanischenMißtrauens möglichst viel Öl gegossen. Die Reklamesucht des AdmiralsDewey, des Siegers von Manila , tat das übrige. Es gelang mir, mit Unter-stützung aller Parteien des Reichstages wie des ausgezeichneten ameri-kanischen Botschafters in Berlin, Mr. White, nach und nach diese deutsch -amerikanische Spannung beizulegen. Ein halbes Jahr nach dem spanisch-amerikanischen Krieg konnte ich in meiner Reichstagsrede vom 11. Fe-bruar 1899* feststellen, daß kein Grund vorhanden wäre, warum nichtDeutschland und Amerika in guten Beziehungen zueinander stehen sollten.Ich sähe keinen Punkt, wo sich die deutschen und die amerikanischenInteressen feindlich begegneten, und auch in der Zukunft sähe ich keinenPunkt, wo die Linien ihrer Entwicklung sich feindbch zu durchkreuzen

* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 44ff.; Kleine Ausgabe I, S. 69ff.