DER LORD VON EDENHALL
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gegenüber dem Landesfürsten üblichen Honneurs erweisen sollten. DerRegent machte auf diese Honneurs Anspruch und hatte seinen Standpunktin einem überaus submissen Bittgesuch dem Kaiser unterbreitet. Der Kaiserantwortete mit einem groben Telegramm, in dem es hieß: „Dem Regenten,was dem Regenten gebührt. Sonst nichts!" Im übrigen verbat sich derKaiser den Ton, den sich der Regent in seinem Brief erlaube. Namentlichdiese Schlußwendung erweckte allgemeines Befremden, denn man konntenicht devoter schreiben, als der Graf Ernst zu Lippe-Biesterfeld, Regent inLippe-Detmold, an des Kaisers Majestät geschrieben hatte. Sicherlichkonnte man den ganzen Vorfall einen Sturm im Glase Wasser nennen.Man konnte auch an das Wort von Goethe denken, daß die deutsche Nationsich gar nichts zurechtlegen könne, vielmehr durchaus über Strohhalmestolpere. Wie die Dinge nun einmal lagen und wie sich unser National-charakter im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet hatte, war es docheine Warnung und eine berechtigte Warnung, wenn mit Bezug auf dasVerhältnis zwischen den Bundesstaaten ein Bismarckblatt, die „LeipzigerNeusten Nachrichten", schrieb: „Nur wenn die Grundlinien, die FürstBismarck so scharf und nie so deutlich markierte wie in den letzten Jahren,mit aller Kraft festgehalten werden, kann das mit Blut und Eisen und Trä-nen Geschaffene Bestand behalten." Ein dem Alten in Friedrichsruh damalsweniger freundlich gesinntes Blatt, der „Hamburgische Correspondent", wiesbesorgt auf die Schadenfreude hin, mit der sich Partikularisten und Sozia-listen an dem Feuerchen in Detmold behaglich die Hände wärmten. Nochverschloß gegenüber solchen Symptomen der jugendliche Kaiser die Augen,denn er war, um mit dem Fürsten Bismarck zu reden, noch ganz in derStimmung des jungen Lords von Edenhall. Auch Wilhelm II. schlürftegern in vollem Zug und läutete gern mit lautem Schall. Nur zu oft ließ erschmettern Festdrommetenschall und forderte das Schicksal heraus, unbe-kümmert um die besorgten Warnungen, die seines Hauses ältester Vasallan ihn richtete.
Am 16. Juni 1898 hielt der Kaiser anläßlich seines zehnjährigen Regie-rungsjubiläums eine Ansprache an die Leibregimenter in Potsdam , in derer mit Recht und im Einklang mit seinem großen Ahn Friedrich ILhetonte, daß die Armee die Hauptstütze des Landes und die Hauptsäuledes Thrones sei, aber nicht ganz im Einklang mit der Wirklichkeit hinzu-fügte, zehn Jahre früher bei seiner Thronbesteigung habe nur die ArmeeVertrauen zu ihm gehabt, sie habe an ihn geglaubt, sie solle mit „unbe-dingtem, eisernem, blindem Gehorsam" ihm weiter folgen. Es ist schmerz-lich, sich heute daran zu erinnern, daß auf solche Worte zwanzig Jahrespäter die Flucht nach Holland folgen sollte.
Am gleichen Tage richtete Wilhelm II. an den Botschafter in Wien ,