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Der Kaiser Grafen Philipp Eulenburg , das nachstehende Telegramm: „Für Deinean Phili treue und arbeitsame Freundschaft danke Ich Dir von tiefstem Herzen.
Möge Mir Deine nach Idealen strebende Person stets zur Stärkung MeinesStrebens erhalten bleiben. Das ist Mein tägliches Gebet. Ich habe Dich zumWirklichen Geheimen Rat mit der Exzellenz ernannt. Auf baldiges Wieder-sehen, so Gott will." Philipp Eulenburg war durch diesen Beweis kaiser-licher Gnade und Freundschaft um so beglückter, als er unter dem mora-lischen Zusammenbruch seines einzigen Bruders, des Grafen FriedrichEulenburg, schwer gelitten hatte. Im Laufe eines unerquicklichen Ehe-scheidungsprozesses zwischen diesem und seiner Frau, einer geborenenvon SchaefFer-Voit, späteren Gräfin Wartensleben , die ihrem Gatten eingroßes Vermögen zugebracht hatte, waren bei ihm unnatürliche Neigungenaufgedeckt worden. Philipp Eulenburg war durch die Bloßstellung seinesBruders so erschüttert gewesen, daß er mir, den er nach dem plötzlichenTode meines Bruders Adolf sehr betrübt sah, mit dem Ausdruck vollerAufrichtigkeit sagte: „Wie viel leichter zu tragen und wie viel reiner istdein Schmerz als der meine! Dein Bruder starb einen schönen Reitertod.Der meinige ist moralisch tot und flößt der Welt nur noch Abscheu ein."Wer mir damals gesagt hätte, daß Philipp Eulenburg einmal denselbenWeg gehen würde wie sein Bruder, den würde ich für einen Narren erklärthaben. Nach Empfang des kaiserlichen Telegramms, das ihn in Karlsbad erreichte, schrieb mir Phili: „Wenn Du weißt, was ich gelitten habe, sokannst Du nun auch ermessen, was ich empfinden mußte, als dieser Klangder tiefen Freundschaft und wahrhaft ergreifenden Menschlichkeit SeinerMajestät zu meinem Herzen drang. Mir ist, als träumte ich, und anderer-seits, als erwachte ich aus einem bösen Traum. Siehst Du den geliebtenKaiser, so sage ihm, daß Er in Seinem Leben noch niemals so wohlgetanhabe. Seine Worte waren Balsam auf ein schwerverwundetes Herz." Schonvorher, im Februar 1898, hatte mir Philipp Eulenburg nach meiner Reichs-tagsrede über Kiautschou und Kreta geschrieben: „Unter den vielen, diesich Dir glückwünschend nahten, will ich doch nicht fehlen. Von mir weißtDu, daß meine Freude neidlos und rein ist. Bei anderen wirst Du bezüg-lich des Neides nicht sicher sein. War er in gewissen Herzen schon vor-handen, so wird er bei Deinem leuchtenden Wege noch viele andereergriffen haben. Du wirst von jetzt ab dreifach vorsichtig sein und dreifachrücksichtslos vorgehen müssen, um eine sichere Garde um Dich zu fühlen.Niemand hatte seit Bismarck solchen Erfolg wie Du. Schwindlig wirst Dunicht davon werden — aber vergiß nicht le revers de la medaille."
Ahnlich wie Holstein hatte auch Phili die Tendenz, mir meine Stellungals unsicher und jedenfalls als von vielen Seiten bedroht erscheinen zulassen, in der Annahme, daß ich bei solcher Beurteilung der Verhältnisse