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DIE KINÄDEN
werden würde. Als ich den klugen alten Gerson Bleichröder einmal frug,warum der Fürst nach seiner Entlassung gar so grausam mit dem armenBötticher umgesprungen wäre, erwiderte er mir: „Der Fürst ist wie unserJehova ein eifriger Gott, der Missetaten heimsucht und nicht verzeiht."
Ich möchte annehmen, daß üble Gerüchte, die in München über PhilippEulenburg seit dessen Tätigkeit als Sekretär der dortigen preußischenGesandtschaft umgingen, durch den seit seiner Versetzung sehr gereiztenRantzau zur Kenntnis des Fürsten gelangten und durch ihn an MaximilianHarden weitererzählt wurden. Darauf deutet schon der von Harden überPhilipp Eulenburg und Kuno Moltke gebrauchte Ausdruck „Kinäden" hin,der durchaus dem Sprachschatz des Fürsten Bismarck entstammt. Der ersteAnstoß zur moralischen Vernichtung des unglücklichen Philipp Eulenburg kam von dem großen Hasser in Friedrichsruh , und es war dessen Hand,die sich neun Jahre nach seinem Tode aus dem Grabe im Sachsenwaldegegen den Mann emporreckte, den er für einen Intriganten und Schwindlerhielt. Andererseits kann ich bei allem Mitleid für Philipp Eulenburg nichtbestreiten, daß er den Kaiser trotz meiner Warnungen immer wieder gegenFriedrichsruh hetzte. Als bei der Trauerfeier in Friedrichsruh Eulenburgmit ausgebreiteten Armen auf Graf Herbert zukam, drehte ihm dieser vormir und allen anderen kalt und demonstrativ den Rücken. Phili war eineweiche Natur, aber Tauben können auch giftig sein. Philipp Eulenburg suchte der Familie Bismarck — seine Ranküne ging gegen den großenVater, die beiden Söhne, die Tochter und den Schwiegersohn Rantzau —dadurch zu schaden, daß er sie beim Kaiser lächerlich machte. Ich entsinnemich eines von Phili für Seine Majestät gedichteten „ägyptischen Mär-chens", in dem unter deutlicher Anspielung auf Bismarck , Vater und Sohn,das Wüten eines Apis-Stiers geschildert wurde, der, weil er sich durch dasEinreißen trennender Zäune im Reiche des alten Pharao verdient gemachthatte, auf göttliche Ehren Anspruch erhob und, unterstützt von abtrün-nigen Priestern und närrischen Philosophen, dem jungen, genialen Nach-folger des früheren, gütigen, aber schließHch senil gewordenen Herrschersdas Leben mit Raffinement und nicht ohne Erfolg verleidete. Aber dergeniale „neue Herr" ließ sich solche unverschämte Uberhebung nicht ge-fallen. Er zog dem bösen Apis-Stier einen eisernen Ring durch die Nasen-löcher und sperrte ihn mitsamt den zwei jungen Bullen, seinen Söhnen, ineinen Stall, wo er keinen Schaden mehr anrichten konnte. Da war Ägypten froh! Da jauchzten alle treuen Untertanen des jungen Pharao! Der Kaiserlachte sehr über dieses Märchen, dessen häßliche Tendenz auch durch einMehr an Poesie und Geist nicht hätte aufgewogen werden können. Nochübler waren die Geschichten, die Philipp Eulenburg Seiner Majestät überdie Gräfin Marie Rantzau, die einzige, gutmütige und harmlose Tochter des