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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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ACH, DEUTSCHLAND I

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Fürsten Bismarck erhalten. In Beantwortung meines Glückwunsches zu Bismarck seinem 83. Geburtstag telegraphierte er mir am gleichen Tage:Ich danke im Sterbenverbindlichst für Eurer Exzellenz freundlichen Glückwunsch und bitte,mich Ihrer Frau Gemahlin zu Gnaden zu empfehlen." Ende Juli verbrei-teten sich Nachrichten über eine besorgniserregende Verschlechterung imBefinden des Fürsten Bismarck . Am 30. Juli, 11 Uhr abends, ging er in dieEwigkeit. Eine ihm und seiner Famike befreundete Dame, die am Sterbe-bett stand, erzählte mir später, Fürst Bismarck habe in seinen PhantasienSerbien, Rußland und England genannt, habe wiederholtHilfe, Hilfe!"gerufen und immer wieder gestöhnt:Aber ach, Deutschland, Deutschland ,Deutschland !" Hatten die Alten recht, wenn sie glaubten, daß dem Ster-benden die Götter in einer letzten Vision bevorstehendes Unheil, kommendeGefahren zeigen? Sah, als erAch, Deutschland !" undHilfe!" rief undnacheinander Serbien, Rußland, England nannte, der sterbende Begründerdes Reichs die Klippen vor sich, an denen seine Schöpfung zwanzig Jahrespäter scheitern sollte ? Das letzte vernehmliche Wort, das Bismarck sprach,war:Die Staatsräson!" Die Gedanken des in St. Helena sterbendenNapoleon weilten auf dem Schlachtfeld:Tete de l'armee" waren seineletzten Worte. Die letzten Empfindungen, Wünsche und Sorgen des FürstenBismarck waren dem Staat gewidmet, dem er wie kein anderer gedient hat.

Ich verließ nach Empfang der Todesnachricht sogleich den Semmering ,den ich im Hochsommer aufzusuchen pflegte, um dem Kaiser nach Kiel Bestattung inentgegenzufahren, wo er, dem die Trauerbotschaft auf seiner Nordlandreise Friedrichsruh zugegangen war, erwartet wurde. Auf der Durchreise hielt ich mich einigeStunden in Berlin auf. Holstein suchte mich sogleich auf. Mit fieberhaftemEifer bemühte er sich, mir einzureden, daß Bismarcks Tod im Volk keiner-lei Bewegung, geschweige denn Trauer hervorgerufen habe. Er erinnerte andas häßliche Wort, mit dem siebenundsiebzig Jahre früher Talleyrand dieNachricht von dem Tode seines einstigen Gönners, des großen Napoleon,begrüßt hatte:Cen'estpas un evenement, c'estäpeine une nouvelle." Erbeschwerte sich über den Unterstaatssekretär Richthofen, der die Fahneauf dem Auswärtigen Amt halbstocks gehißt habe. Dieses demonstrativeZeichen der Trauer werde im liberal denkenden und empfindenden Bürger-tum, noch mehr in den Arbeitermassen allgemein mißfallen und überdies,was das Bedenklichste wäre, den Zorn Seiner Majestät auf das AuswärtigeAmt lenken. In seiner blinden und dabei so kleinlichen Gehässigkeiterschien mir der alte Geheimrat von Holstein, der dem großen FürstenBismarck während über dreißig Jahre nähergestanden hatte als die meistenanderen, wie ein tückischer Wolf, der hinter das Gitter gehört, nicht insFreie. In Kiel fand ich Wilhelm IL, wie meist in bedeutungsvollen Augen-blicken und bei Schicks als Wendungen, in nervöser Stimmung. Er wollte