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DER WEIT GRÖSSERE GENIUS
Bismarck
mit den Worten begann: „Heute ist der Vorhang über einen langen Aktunserer Geschiebte gefallen. Jetzt beginnt ein neuer Akt, bei dem Mir dieerste Rolle zufällt." Er sprach dann dem Fürsten Hohenlohe sein Ver-trauen aus und ermahnte das Staatsministerium, seinen Präsidenten zuunterstützen, damit er seiner Aufgabe gerecht werden könne. Etwa achtTage nach dem Ableben des Fürsten Bismarck erhielt Wilhelm II. vonseinem intimsten englischen Freunde, dem Earl of Lonsdale, einen Brief,den er nicht mir, aber verschiedenen Herren seiner Umgebung zu lesen gabund in dem es ungefähr hieß, die Deutschen schienen recht aufgeregt durchden Tod des Fürsten Bismarck . Ihn, Lonsdale, beruhige der Gedanke, daß,wenn Bismarck die deutsche Einigung nicht fertigbekommen hätte, a fargreater genius, nämbch Wilhelm IL, dieses Werk vollbracht haben würde.Der Kaiser hatte zu dem Brief bemerkt: „Und an einem so treuen Freundwollen manche Leute mich irremachen."
Kaum zwei Monate nach dem Ableben des Fürsten Bismarck schriebWilhelm II. Kaiser Wilhelm seiner Mutter, der Kaiserin Friedrich , über sein Verhältnisan seine zu d em großen Kanzler seines Großvaters einen Brief, der für die PsycheWilhelms II. bezeichnender ist als irgendein anderes mir bekanntes Doku-ment. Der Kaiser ließ mir dieses Schreiben durch Phüipp Eulenburg mitder Bemerkung zugehen, dafür zu sorgen, daß sich unsere Diplomaten imSinne seiner Darlegungen aussprächen, wo sie nur immer Gelegenheitfänden. Eulenburg gab mir dabei zu verstehen, daß, wenn dieser Brief„wie durch ein Versehen" in die Presse käme, dies nicht schaden würde.Wilhelm II. hat während seiner ganzen Regierung das Bedürfnis empfun-den, die Entlassung des Fürsten Bismarck zu rechtfertigen. Er hat michwiederholt aufgefordert, das Schreiben zu veröffenthehen, das er nach demSturz von Bismarck an Kaiser Franz Josef gerichtet hatte. Er versprachsich davon eine große Wirkung. Es gelang mir, dem Kaiser die Absicht aus-zureden, und als jener Brief an Kaiser Franz Josef nach der Revolution imNovember 1918 von Wien aus publiziert wurde, schadete das kaiserlicheSchreiben nicht, wie Wilhelm II. angenommen hatte, dem Andenken desFürsten Bismarck, wohl aber dem Kaiser selbst, schon weil es zu viel Über-treibungen, Phantastereien und darüber hinaus einige handgreifliche Un-wahrheiten enthielt. Ich habe mich oft gefragt, ob der Kaiser in solchenFällen sich der Unwahrhaftigkeit seiner Darstellung selbst bewußt war.Philipp Eulenburg, der geistig sehr fein war, meinte einmal in Erinnerungan ein bekanntes und schönes Lied von Uhland, wo von dem singendenVogel die Rede ist, der in den Zweigen wohnt, von Wilhelm IL, er phan-tasiere, um nicht zu sagen, er löge, wie der Vogel singt, der in den Zweigenwohnt. Donna Laura Minghetti drückte das in der ihr eigenen drastischenWeise mit den Worten aus: „L'imperatore dice molte bugie, ma non fa per