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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE BERICHTE DES KONSULS RAFFAUF

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Moritz Busch , der sich schon Jahre vorher durch sein indiskretes BuchBismarck und seine Leute", das aber dem Fürsten vor der Veröffentlichungvorlag, einen Namen gemacht hatte, das Entlassungsgesuch des FürstenBismarck vom 18. März 1890. Dieses Schriftstück ließ keinen Zweifeldarüber, daß der letzte Grund für den Bruch zwischen Wilhelm II. undBismarck in der verschiedenen Beurteilung der gegenüber Rußland einzu-schlagenden Politik zu suchen war. Der Konsul in Kiew , Raffauf, hatteeine Reihe von Berichten über russische Rüstungen eingereicht, die mehrvon ,,furor consularis", wie Bismarck übertriebenen Eifer der Konsulnzu nennen pflegte, als von politischer Reife und ruhiger Überlegung zeugten.Ich habe keinen Beweis dafür, daß Holstein den alarmierenden Eifer desKonsuls angefeuert hatte. Ich möchte aber als sicher annehmen, daß,wenn die an und für sich ziemlich unbeträchtlichen Raffaufschen Mel-dungen sofort in die Hände des Kaisers gelangten, dies nicht ohne Mit-wirkung von Holstein und, wie ich bei Besprechung des Rücktritts desFürsten Bismarck erwähne, wohl auch mit Wissen des Grafen Walder-see geschah. Wilhelm IL, der nur nach Vorwänden suchte, um den ihmunbequem gewordenen Fürsten loszuwerden quand on veut noyer sonchien, on dit qu'il est galeux, sagt der Franzose, richtete nach Kenntnisder Raffaufschen Meldungen ein gereiztes, in hohem Grade über-triebenes und aufgeregtes Schreiben an den Kanzler, in dem er ihm inungezogenem Ton vorwarf, daß er seinem kaiserlichen Herrn die von Ruß-land furchtbar drohenden Gefahren" verheimliche, auch nichts dagegentue. Nach diesem kaiserlichen Rügebrief haben wir mit Rußland nochvierundzwanzig Jahre Frieden behalten und hätten den Frieden nochlänger bewahren können, wenn 1914 unsere Politik im BismarckschenSinne geführt worden wäre. Der Konsul Raflauf, dem Wilhelm II. inseinem Verweis an den Kanzler höchstes Lob spendete, wurde nach demSturz des Fürsten Bismarck nach Galatz versetzt, von wo er sich 1892oder 1893 bei mir in Bukarest meldete, als ich dort, von 1888 bis 1893, dasDeutsche Reich vertrat. Man sah dem unbedeutenden Männchen nicht an,daß er eine Rolle in der großen Tragödie gehabt hatte, die sich im März1890 in Berlin abspielte. Im Schachspiel kann auch das Hin- und Herzieheneines Bauern dazu beitragen, daß der König matt gesetzt wird. In Ver-gessenheit geraten, ist Raflauf später verschollen. Der Mohr hatte seineArbeit getan, der Mohr konnte gehen.

Einige Tage nach der Einsegnung der Leiche des Fürsten Bismarck inFriedrichsruh fand in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin eine TrauerfeierTrauerfeier statt, der die Majestäten beiwohnten. Nach Beendigung des Berlin Gottesdienstes beschied der Kaiser die Minister, den Reichskanzler Hohen-lohe an der Spitze, in die Sakristei, wo er eine Ansprache an uns hielt, die