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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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VOM RITTMEISTER ZUM FLÜGELADJUTANTEN

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Verwaltung und der preußischen Armee, nicht unähnlich, mit dessen ernsterStrenge und unermüdlicher Arbeitskraft er im übrigen nicht viele Be-rührungspunkte hatte. Eine der ersten Handlungen des auf den Throngelangten Kronprinzen Wilhelm war am 16. Juni 1888 gewesen, daß er demRittmeister im 1. Gardeulanenregiment von Scholl telegraphierte, erhabe ihn zu seinem Flügeladjutanten ernannt. Scholl war von GeburtHessen-Darmstädter, hatte ursprünglich bei den hessischen Dragonerngestanden und war von dort wegen seiner stattUchen Erscheinung in einPotsdamer Gardekavallerieregiment versetzt worden. Scholl band sichnach Empfang des kaiserlichen Telegramms hocherfreut die Schärpe umund stürzte nach dem Neuen Palais, um sich bei Seiner Majestät zu melden.Der diensttuende Generaladjutant von Winterfeldt frug den erregt aus-schauenden Ulanenrittmeister, was er in diesem Augenblick im KaiserlichenSchloß wolle. Als Scholl erwiderte, er sei zum Flügeladjutanten SeinerMajestät ernannt worden, nahm ihn Winterfeldt schonend unter den Armund führte ihn in ein Nebenzimmer, wo er zwei dort anwesende höhereOffiziere leise bat, den Ulanen zu beobachten und nicht entweichen zulassen; dieser scheine infolge der aufregenden Ereignisse der letzten Tageübergeschnappt zu sein. General von Scholl, der seit diesem Tage zur stän-digen Umgebung des Kaisers gehörte, war ein wackerer Mann, dessen aus-gesprochene Darmstädter Mundart den Kaiser anheimelte, den so vieleJugenderinnerungen an Hessen knüpften.

Ich hatte mir als Amanuensis den Legationsrat Klehmet aus dem Aus- Legationsratwärtigen Amt mitgenommen. Der Kaiser, der mit seinem guten Herzen klehmetsich an Menschen leicht anschloß, stand bald in einem freundlichen Ver-hältnis zu dem Legationsrat, der sich durch Tüchtigkeit aus bescheidenenVerhältnissen emporgearbeitet hatte und wegen seiner Arbeitskraftnamentlich von Holstein geschätzt wurde. Klehmet trug, wenn wir auf demMarsch von Haifa nach Jerusalem abends das Nachtquartier bezogen, gerneinen roten türkischen Fes, und der Anblick des preußischen Geheimratsmit einer türkischen Kopfbedeckung bereitete Seiner Majestät immer neuesVergnügen. Die Gunst Seiner Majestät für Klehmet sollte elf Jahre später,im November 1908, bei dem Zwischenfall desDaily Telegraph "-Artikels,von ungünstiger Wirkung sein. Wenn Klehmet mich damals nicht ernstlichauf die hochgefährlichen Stellen in dem Artikel des englischen Blattes auf-merksam machte, so unterblieb dies zum guten Teil deshalb, weil er über-zeugt war, der Kaiser brenne darauf, seine in Highcliffe vor vielen Eng-ländern gehaltenen Vorträge gedruckt in den Zeitungen zu lesen, und nichtin den Verdacht kommen wollte, Seiner Majestät diese Freude verdorbenzu haben.

Oberstallmeister Graf Ernst von Wedel, im Unterschied zu verschiedenen

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