XVI. KAPITEL
Die Orientreise • Letzte Begegnung mit König Humbert • Gefolge der Majestäten:Oberhofmeister Freiherr von Mirbach, Kabinettsrat v. d. Knesebeck, OberhofmeisterinGräfin Brockdorff , Staatsdame Gräfin Keller, Hofdame Fräulein von Gersdorff, Ober-hofprediger Dryander • Konstantinopel • Audienz beim Sultan Abdul Hamid • DerHarem des Sultans • Die Bagdadbahn • Herr von Siemens • Jerusalem • Damaskus
Deutsche Geheimpolizisten
Am 12. Oktober wurde die Orientreise angetreten, zu der mich, derKaiser schon eingeladen hatte, als ich noch Botschafter in Rom war. WirKonstan- schifften uns in Venedig ein, wo eine kurze Zusammenkunft mit dem italieni-tmopel sehen Königspaar stattfand. Dort, mit der Markuskirche, dem Dogenpalastund dem Campanile im Hintergrunde, sah ich zum letzten Male den KönigHumbert, dessen Herz Güte und dessen Wesen Ritterlichkeit war. DerKaiser freute sich seit Monaten, man kann sagen seit Jahren, auf die Fahrtnach Jerusalem . Der Orient mit seiner Farbenpracht, das Gelobte Landmit seinen ehrwürdigen Erinnerungen und (nicht zum wenigsten) der Sultan mit seiner unumschränkten und, wie der Kaiser glaubte, von allen seinenUntertanen, bis auf eine Handvoll Armenier und internationale Ver-schwörer, als Wohltat empfundenen Regierungsweise zogen ihn mächtigan. Ursprünglich wollte Wilhelm II. außer Konstantinopel und Palästinaauch Ägypten besuchen. Aber die Mitteilung über die angebliche Ent-deckung eines gegen den Deutschen Kaiser in Kairo geplanten anarchisti-schen Attentats bewog Seine Majestät, diesen Gedanken aufzugeben. Vonmancher Seite wurde behauptet, die englische Vertretung in Ägypten , derein Besuch des Deutschen Kaisers aus manchen Gründen wenig erwünschtwar, hätte absichtlich die Attentatsgerüchte verbreitet, um den hohenHerrn abzuschrecken. In der Umgebung des Kaiserpaars befanden sich aufder Orientfahrt außer den Chefs der drei Kabinette, dem OberhofmarschallGraf August Eulenburg und dem Generaladjutanten von Plessen der baum-lange General äla suite von Scholl, von dem Philipp Eulenburg zu sagenpflegte, sein Verhältnis zu seinem kaiserlichen Gebieter gleiche dem einestreuen Neufundländers zu seinem Herrn. Wilhelm II. hatte eine Vorliebefür große Leute, wenigstens darin einem seiner ausgezeichnetsten Vor-fahren, König Friedrich Wilhelm I. , dem Schöpfer der preußischen