SPIONAGE
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Großmächte. Unsere geheimen Fonds waren lächerlich gering im Vergleichzu den Summen, über die England, Rußland und Frankreich geboten unddie sie auch verwendeten. Dadurch waren wir ihnen gegenüber in einer sehrungünstigen Lage. Der Reichstag konnte sich in Friedenszeiten nicht ent-schließen, die nötigen Summen für den Nachrichtendienst zu bewilligen,teils in der unbegründeten Furcht, der geheime Fonds könnte für inner-politische Zwecke mißbraucht werden, teils aus Pfennigfuchserei, teils undwohl vorzugsweise, weil der deutsche Politiker nun einmal dazu neigt, allepolitischen Fragen und Vorgänge vom Standpunkt einer spieß- und klein-bürgerlichen Betrachtungsweise zu behandeln.
Als wir, um mit Tirpitz zu reden, in den Weltkrieg hineingeschlittertwaren, verfielen wir hinsichtlich des Nachrichtendienstes in das entgegen-gesetzte Extrem. Nun wurden, namentlich durch Erzberger, Millionen überMillionen, meist in ungeschickter, bisweilen in sinnloser Weise und ohnewirklichen Nutzen verpulvert. Was sich auch mit kleineren Summen beirichtiger Anwendung erreichen läßt, konnte ich während der bosnischenKrise beobachten. Ich gab damals einem Vertrauensmann in Paris eineverhältnismäßig sehr bescheidene Summe zu dem Zweck, eine verständigeBeurteilung der bosnischen Frage herbeizuführen. Ich schärfte ihm hierbeiein, nicht den Versuch zu machen, ganze Blätter zu gewinnen, sondern sichnur an einzelne Mitarbeiter zu halten; auch kein Eintreten für Deutschland zu verlangen, sondern nur darauf hinzuweisen, wie töricht es sein würde,wenn Frankreich für andere die Kastanien aus dem Balkanfeuer holenwollte. Ich las bald nachher eine ganze Anzahl französischer Artikel, indenen die europäische Lage verständig besprochen wurde, und das fürkleine Gefälligkeiten, die alles in allem hunderttausend Mark kaum über-schritten.
Die Dreyfus-Angelegenheit, l'Affaire, wie die Franzosen sie nannten, hatJahre hindurch Frankreich zermürbt und gelähmt, bis der bewunderungs-würdige, für uns nachahmenswerte französische Patriotismus auch diesentiefgehenden, häßlichen Zwist unterdrückte, wie er die mit äußersterLeidenschaft geführten Kämpfe zwischen dem französischen Staat und derkatholischen Kirche überwand, um alle Franzosen auf der Einheitsfrontder Revanche, das heißt der Wiedergewinnung von Straßburg und Metzund der Zurückeroberung der alten französischen Vorherrschaft auf demeuropäischen Kontinent, zu einigen.
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