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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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GEHANDELT MUSS WERDEN!"

bei einem großen Teil seiner zukünftigen Untertanen verhaßten, politischziemlich unberechenbaren Erzherzogs Franz Ferdinand gewaltsam zumAusgangspunkt der unsinnigsten und gefährlichsten Schritte gemachtwurde. In dem Kondolenztelegramm Kaiser Wilhelms an Kaiser FranzJosef, das Wilhelm II. ohne Rücksprache mit dem Kanzler oder mit mirselbst niedergeschrieben und abgesandt hatte, das aber Graf Goluchowskimir zu lesen gab, hieß es, der Deutsche Kaiser hoffe auf eine österreichischeAnregung wegen gemeinschaftlicher Maßregeln gegen den Anarchismus,der hervorgehe aus Liberalismus, Humanitätsduselei, Buhlerei um Volks-gunst und vor allem aus der Feigheit der Parlamente. Das Telegramm schloß :Gehandelt muß werden!"

Zu den Fragen, die mich im Jahre 1898 besonders beschäftigten, ge-Der Fall hörte die Dreyfus-Affäre, die bei meiner Berufung nach Berlin schon seitDreyfus Jahr und Tag Frankreich in zwei Lager spaltete und die ganze Welt be-schäftigte. Als ich nach Berlin berufen wurde, hatte ich mich sogleich er-kundigt, wie es in Wahrheit mit dieser Angelegenheit stünde. Es wurde mirerwidert, daß wir nie etwas mit Dreyfus zu tun gehabt hätten, daß dieservollständig unschuldig wäre; der wirklich Schuldige sei wahrscheinlich derMajor Esterhazy. Als mich am 24. Januar 1898 Eugen Richter in derBudgetkommission des Reichstags wegen der Dreyfus-Affäre interpellierte,erwiderte ich, daß ich natürlich alles vermeiden müsse, was als Einmischungin innere französische Verhältnisse ausgelegt werden könne. Ich beschränktemich deshalb darauf, auf das allerbestimmteste zu erklären, daß zwischenDreyfus und irgendwelchen deutschen Organen niemals Verbindungen oderBeziehungen irgendwelcher Art bestanden hätten. Diese meine Erklärungmißfiel denDreyfusards " wie denAnti-Dreyfusards". Im PariserCercle de l'Union, dem aristokratischen Klub der französischen Haupt-stadt, äußerte der Duc de Broglie , ein früherer Ministerpräsident: er habemich bisher für einen persönlich anständigen Mann gehalten. Seit ich aberfür Dreyfus eingetreten wäre, erkenne er zu meinem Bedauern, daß ichnicht besser wäre als die anderen Deutschen. Dagegen schrieb mir unter demEinfluß der Dreyfuspartei meine edle Freundin Malvida von Meysenbug ,sie würde an mir irre werden, wenn ich nicht den wahren Schuldigen an-gäbe. Judaeis scandalum, Graecis stultitia. Ich hielt es für eine Pflicht derMenschlichkeit wie der Klugheit, das Los des unglücklichen Dreyfus nachMöglichkeit zu erleichtern. Dagegen hatte ich keine Veranlassung, Ester-hazy zu denunzieren, schon weil eine Regierung, die ihre Agenten oderSpione preisgibt, schwerlich wieder solche findet. Ich füge ausdrücklichhinzu, daß Deutschland für Nachrichtendienst, Spionage usw. bis zum Welt-kriege viel, sehr viel weniger ausgegeben hat und auf diesem unsauberen,aber nun einmal wichtigen Gebiet sich viel passiver verhielt als alle anderen