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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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GEGEN DIE ANARCHISTEN

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der ihm an der Tafel gegenübersaß, zu zeigen, daß er seinen eigenenscharfen Standpunkt aufrechterhalte, verstieg er sich zu der bedenklichenPointierung seiner Rede. Wilhelm II. , der eine seltene Gabe der Rede besaß,der so hinreißend und begeisternd sprechen konnte wie wenige andere undder mit dieser Gabe viele Herzen hätte erwärmen, viele Köpfe klären undviel Gutes stiften können, hatte eine unglückliche Neigung, Schlagworte inUmlauf zu setzen, die sich hinterher gegen ihn selbst und auch gegen dasdeutsche Volk wendeten. So war es mit dergepanzerten Faust" gegangen,so ging es mit der Stempelung der Arbeitswilligen-Vorlage zumZuchthaus-gesetz", so später mit derHunnen-Rede", mit derSchwarzseher-Rede"und mit manchen anderen kaiserlichen Reden.

Während ich bei meiner Frau auf dem Semmering weilte, wurde am10. September 1898 die Kaiserin Elisabeth von Österreich in Genf von dem Tod deritalienischen Anarchisten Luccheni ermordet. Kaiser Wilhelm sagte sich Kaiserinzum Begräbnis an, und ich fuhr vom Semmering nach Wien , um ihn dort Elisaoetnzu erwarten. Auf dem Perron stand, zehn Minuten vor dem Eintreffen desBerliner Zuges, in immer gleich vornehmer Haltung Kaiser Franz Josef .Er hatte nach dem Empfang der Nachricht von der Ermordung seiner Frauzu einem Herrn seiner Umgebung gesagt:Nun kann mich gar nichts mehrtreffen, alles habe ich durchmachen müssen." In der Umgebung des Kaiserswar eine gewisse Erleichterung eingetreten, als auf das erste Telegramm ausGenf , das nur die Todesnachricht enthielt, ein zweites folgte, das die Er-mordung meldete. Das Gefolge des Kaisers hatte gefürchtet, daß die Kaise-rin, die den Tod ihres einzigen Sohnes nie verwunden hatte, eine melancho-lische Natur war und sehr frei dachte, sich ums Leben gebracht habenkönnte. Die Ermordung erschien gegenüber dem Selbstmord als das kleinereÜbel. Mir sagte der Kaiser, der mich sogleich und freundlich begrüßte:Ichdarf die Kaiserin nicht beklagen. Sie hat den Tod gefunden, den sie sichimmer gewünscht hat: rasch und schmerzlos." Nach der Trauerfeierlichkeitin der Stefanskirche sagte mir der österreichische Minister des Äußeren,mein alter Freund Graf Agenor Goluchowski:Ihr Kaiser hat, spontan undgenerös wie immer, meinem Kaiser nicht nur in flammenden Worten seineEntrüstung über die abscheuliche Mordtat ausgesprochen, sondern einsofortiges gemeinsames Vorgehen gegen die Anarchisten vorgeschlagen.Ich bitte Sie dringend, davon abzusehen. Es wäre dem Kaiser Franz Josef sehr unerwünscht, wenn ein noch so schmerzlicher, persönlicher Trauerfall,der ihn betroffen hat, zum Ausgangspunkt staatlicher Maßnahmen undpolitischer Schritte gemacht würde, die überdies unsere Beziehungen zuItalien wie zur Schweiz gefährden könnten." Die Ermordung der allgemeinverehrten, edlen und schönen Kaiserin Elisabeth hatte auch keinerleipolitische Folgen, während im schwarzen Hochsommer 1914 der Tod des