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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DAS ZUCHTHAUSGESETZ

Arbeits-willigen

mit dem Fürsten Hohenlohe bemüht, dahin zu wirken, daß bei diesemAnlaß weder der nicht von unedlen Absichten erfüllte russische Kaiser vor denKopf gestoßen, noch insbesondere in der Welt die Meinung erweckt würde,als ob die Fortdauer der von allen Völkern schwer empfundenen Rüstungenund die unleugbare Spannung der internationalen Lage auf das deutscheVolk zurückzuführen wäre, das doch in Wahrheit und tatsächlich alles inallem das friedlichste Volk der Welt war und ist. Ich zitierte hierbei dasWort, das mir vor Jahren in Wien eine geistvolle Dame, die Fürstin EliseSalm, geborene Prinzeß Liechtenstein , als Rat auf den Lebensweg mit-gegeben hatte:Vor allem, übernehmen Sie möglichst selten die odioseRolle."

Bei dem Paradefestmahl, das am 5. September in Minden bei den Ma-Gesetz zum növern des 7. Westfälischen Armeekorps stattfand, kam der Kaiser wiederSchutz der einmal auf den Lippeschen Streitfall zu sprechen, der allmählich, um einunschönes Bild zu gebrauchen, einem Pickel glich, der durch beständigesReiben schließhch zu einer gefährlichen Entzündung wird. Er spendeteden Söhnen Bückeburgs" enthusiastisches Lob, die inherrlicher Weise"vorbeigekommen wären, erwähnte aber die unglücklichen Detmolder nicht,so daß es schien, als ob letztere, seitdem sie von einem Biesterfelderregiert wurden, beinahe so schlecht marschierten, als wären sie keine gutenChristen. Folgenschwer war der Trinkspruch, den der Kaiser am 6. Sep-tember 1898 in Oeynhausen hielt und in dem er ein Gesetz zum Schutzder Arbeitswilligen ankündigte. Der Schutz der Arbeitswilligen ist, wie dieganze Streikgesetzgebung, wie überhaupt die Behandlung aller Konfliktezwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, eine der kompliziertesten unddelikatesten Fragen der Gesetzgebung und der Verwaltung. Wenn irgend-wo, so bedarf es hier einer festen, aber auch besonnenen und vorsichtigenHand. Indem der Kaiser in seiner Oeynhausener Rede von vornhereinund noch vor der Beratung der von ihm in Aussicht gestellten Vorlagemit solchem Nachdruck und in ganz allgemeinen Wendungen erklärte,daß jeder, er möge sein, wer er wolle, und heißen, wie er wolle, der einendeutschen Arbeiter, der willig wäre, seine Arbeit zu vollführen, daran zuhindern versuche oder gar zu einem Streik anreize, mit Zuchthaus bestraftwerden solle, gefährdete er selbst, und in hohem Grade, die Annahme derVorlage, die er doch lebhaft wünschte. Er tötete wieder einmal, wie sichder bayrische Gesandte Graf Hugo Lerchenfeld gern ausdrückte, das Kindim Mutterleibe. Die übertriebene Härte der kaiserlichen Ausdrucksweisewar darauf zurückzuführen, daß der Kaiser wenige Stunden vor seinerRede ein langes Gespräch mit seinem Erzieher, dem Geheimrat Hinzpeter,gehabt hatte, der den seiner Überzeugung entsprechenden Standpunkt derArbeitnehmer vertrat. Das hatte den Kaiser verstimmt, und um Hinzpeter,