DER „GLOCKENAUGUST"
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und diesem Kirchennot und Kirchenbauten warm ans Herz gelegt.Reiche jüdische Bankiers wurden von Mirbach mit besonderer Vorliebe umeine milde Gabe angegangen. Er war der Sohn eines höheren Verwaltungs-beamten, der wegen allzu schroff konservativer Anschauungen von Bis-marck in den siebziger Jahren verabschiedet worden war. Kirchlich wiepolitisch gleich rechts gerichtet, war Mirbach seltsamerweise mit der Nichteeines demokratischen und antikirchlichen belgischen Politikers, des HerrnFrere-Orban, vermählt, der wiederholt Minister, von 1878 bis 1884 Minister-präsident gewesen war und seine Hauptaufgabe in der Bekämpfung kirch-licher Herrschaftsgelüste gesehen hatte. Die Ehe Mirbach ging übrigensausgezeichnet, und das letzte Mal, daß ich den Oberhofmeister sah, währenddes Weltkrieges, fand ich ihn sehr erschüttert durch den deutschen Ein-marsch in Belgien , der seine und seiner Frau Beziehungen zu allen ihrenbelgischen Verwandten zerrissen hatte, von denen einer erschossen wordenwar. Mirbach hat sicherlich viel Gutes gestiftet, denn die Kirchennot inBerlin war unbestreitbar. Er rief aber andererseits durch sein ganzes Treibenberechtigten Tadel hervor, auch vielen Spott, der für Hof und Monarchienicht günstig war. Man lachte über den Witz, daß ein Berliner Straßenjungezu einem älteren Herrn, der, als er den Hut abnahm, eine große Glatze ent-hüllte, gesagt hatte: „Nehmen Sie sich in acht, alter Herr, wenn Mirbachden freien Platz auf Ihrem Kopf sieht, baut er Ihnen eine Kirche dahin."Mirbach hieß im Volk „der Glockenaugust". Wie fern ihm jedes politischeVerständnis lag, geht schon daraus hervor, daß er bei dem letzten Besuch,den unsere Majestäten während meiner Amtszeit den Reichslanden ab-statteten, in Kolmar der Kaiserin einen der übelsten Fransqnillons, HerrnDaniel Blumenthal , vorstellte, überdies einen Renegaten, denn Blumen-thals Vater war als Altdeutscher nach dem Elsaß eingewandert. Um dieselbeZeit zeigte sich einer der hervorragendsten Zentrumsführer, Fürst AloysLöwenstein, auf dem Kathoükenkongreß in Metz mit Vorliebe in Gesell-schaft des Abbe Colin, eines eingefleischten Französlings. Beide, Blumen-thal und Colin, sollten 1914, bei Kriegsausbruch, bei Nacht und Nebel überdie Grenze nach Frankreich entweichen, wo sie seitdem als „Patrioten"gefeiert wurden. So sehr fehlt uns Deutschen in allen Parteilagern und beibeiden Konfessionen der patriotische Takt und nur zu oft auch der patrio-tische Geist. Während meiner Reichskanzlerzeit sollten sich die Beschwerdenüber Mirbach so sehr häufen, daß schließlich das Staatsministerium unddas Zivilkabinett dem Kaiser Vorstellungen machten. Der Kaiser hatte mitVergnügen viele der von Mirbach erbauten Kirchen mit Pomp eingeweiht,war aber sofort bereit, den Oberhofmeister fallenzulassen. Nicht so dieKaiserin, die ihn mit allen Kräften verteidigte und mir in einer Unterredungüber diesen Fall mit einem Nachdruck, der ihrem treuen und edlen