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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE DAMEN DER KAISERIN

Charakter nur Ehre machte, unter anderem sagte:Würden Sie es schönfinden, wenn ich einen alten und treuen Freund preisgäbe? Würden Sieselbst einen alten und treuen Freund preisgeben ?" Die politische Naivitätvon Mirbach wurde mir klar bei einer der ersten Unterredungen, die ich aufder Palästina-Reise mit ihm führte. Er vertrat mit Eifer den Standpunkt,daß Friedrich der Großeein schlechter Kerl" und Friedrich Wilhelm IV. der beste preußische König gewesen wäre.

Der Kabinettsrat der Kaiserin, Bodo von Knesebeck, war mein alter

Bodo von Kriegskamerad, dessen ich schon gedacht habe. Wir attackierten zusammenKnesebeck j n ,j er Schlacht an der Hallue und sollten uns siebenundzwanzig Jahrespäter in Berlin wiederfinden, wo er mir immer und unter allen Umständender beste Freund war, der mir die Treue auch nach meinem Rücktritt hielt.Sein Tod, der nicht lange vor dem Ausbruch des Weltkriegs erfolgte, warein großer Verlust für die Kaiserin, den sie auch in hohem Grade empfand.Es war auch für Kaiser Wilhelm II. ein Verlust, obwohl Seine MajestätKnesebeck im Grunde nicht mochte, wohl in dem Gefühl, daß ihn diesermit seinem leisen Skeptizismus nicht ganz au serieux nähme. Knesebeck hatte aber so vortreffhche Formen, daß ihm nicht beizukommen war.Die Kaiserin hatte außer Knesebeck und Mirbach ihre drei Damen mit-Hofstaat der genommen: die Oberhofmeisterin Gräfin Therese von Brockdorff und die

Kaiserin Hofdamen Ciaire von Gersdorff und Gräfin Mathilde Keller. Die letzterewar seit ihrer frühesten Jugend mit der Kaiserin eng befreundet, der sieschon nahegetreten war, als diese noch eine arme und bescheidene Prinzeßvon Augustenburg war. Die Familie Keller gehörte zu den nicht wenigendeutschen Familien, die ganz oder mit einigen Zweigen ins Ausland ge-kommen sind. Bei Beginn des 19. Jahrhunderts war ein Graf Kellerpreußischer Gesandter in St. Petersburg . Der älteste Sohn dieses GrafenKeller trat in russische Dienste, und seine Nachkommen wurden so ganzRussen, daß mir der im russisch -japanischen Krieg als Held gefalleneGeneral Graf Theodor Keller einmal sagte, indem er seine Hand an dieStirn legte:Ich bin Russe bis hier, von der Zehe bis zum Wirbel." SeineSchwester war die Gräfin Marie Kleinmichl, die selbst in der geistreichenSt. Petersburger Gesellschaft durch Geist und Verstand eine besondereStellung einnahm. Die preußische Hof-, spätere Hofstaatsdame GräfinMathilde Keller war mit der Kaiserin Auguste Viktoria zusammen aufge-wachsen. Sie sollte als einzige Hofdame, welche die Kaiserin nach Holland mitnahm, an ihrem Sterbebett stehen. Fräulein von Gersdorff war dieTochter eines ausgezeichneten preußischen Generals, der sich an der Spitzeder 22. Division, am 6. August 1870, bei Wörth hervorgetan hatte und heiSedan, als Führer des XI. Armeekorps tödlich verwundet, einige Tage nachdiesem herrlichen Siege starb. Wegen ihrer halb singenden, halb klagenden