BEIM SULTAN
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räsonnieren hören, daß in seinem elterlichen Hause die Frau den Mann be-herrsche und das Heft in der Hand habe. Von ihm sollte das nicht gesagtwerden, und er hielt, wie er mir einmal sagte, seinen ,,Hühnerhof" inRespekt und Ordnung. Während die Damen schwiegen, bewies Oberhof-prediger Dryander, daß bei einem treuen Diener am Wort sich Mut undFestigkeit sehr wohl mit der Milde vereinigen lassen, die dem würdigenSeelsorger des Kaiserlichen Hauses alle Herzen gewann. Dryander vertratgegenüber der von Wilhelm II. vorgelesenen Kritik der uns von den Evan-gelisten überlieferten Heilsgeschichte den Standpunkt des gläubigenChristen mit so viel Wärme und solcher Entschiedenheit, daß der Kaiserihm bewegt die Hand reichte und der Kaiserin wie ihren Damen Tränender Rührung in die Augen traten. Ernst Dryander , der, wie schon seingräzisierter Name zeigt, einer alten Gelehrtenfamilie entstammte — einOnkel von ihm regierte, während ich Schüler des Pädagogiums in Hallewar, als trefflicher Ordinarius unsere Prima—, hat Kaiser Wilhelm IL ,der als Student in Bonn zu den Füßen seiner Kanzel gesessen hatte, imGegensatz zu Adolf Harnack auch dann die Treue gehalten, als Wilhelm II. den Kaiserthron mit dem Exil vertauschte. Es hat sich in der Vergangen-heit gegen die Hofprediger dies und jenes und manches vielleicht nicht mitUnrecht sagen lassen. Oberhofprediger Dryander war ein wahrer Bischofin dem Sinne, in dem der größte der Apostel seinen rechtschaffenen SohnTimotheus mahnt, ein guter Streiter Christi zu sein eingedenk dessen, daßGott uns nicht gab den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe undder Zucht.
Am 18.Oktoberl898 landeten wirinKonstantinopel. Ich war währendunseres dortigen Aufenthaltes durch politische Arbeit so sehr in Anspruch Empfanggenommen —■ nicht nur durch Rücksprachen mit den türkischen Ministern, durchsondern auch durch den brieflichen und Depeschenverkehr mit Berlin daß ich nicht einmal dazu gekommen bin, die Hagia Sophia zu besuchen.Eine solche Einseitigkeit ist vielleicht ein Fehler. Um so größer war dieGenugtuung, mit der ich mich nach meinem Rücktritt der Bereicherungmeines Wissens und der Erweiterung meines geistigen Horizonts widmenkonnte, die ich während meiner zwölfjährigen Tätigkeit an der Zentralstelleim Interesse konzentrierter und deshalb notgedrungen einseitiger Er-füllung meiner amtlichen Pflichten hatte vernachlässigen müssen. SultanAbdul Hamid machte mir während der längeren Audienz, die er mir ge-währte, keinen erhebenden Eindruck. Obwohl er der Welt als der „Schlächterder Armenier" galt und es wohl auch war, sah er mehr armenisch alstürkisch aus, krumm, lauernd, scheu und gebückt. Munir-Pascha, derSekretär für fremde Korrespondenz, der als Dolmetscher fungierte, mußtebei jedem Wort, das er sprach, mit der Hand den Boden berühren. Das hieß