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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER MISSTRAUISCHE PADISCHAH

soviel als: Ich bin Staub zu den Füßen Eurer Majestät. Aus den Antwortendes Sultans sprach große Vorsicht und viel List. Beide ihm sonst gewißnützliche und sogar notwendige Eigenschaften wurden aber durch seinemorbide Angst nicht nur vor Revolution und Attentaten, sondern vor jedempublizistischen Angriff in das Pathologische gesteigert. Es war ein gewöhn-licher Trick aller Revolverjournalisten, namentlich in Paris , aber gelegent-lich auch in Deutschland , dem Sultan Abdul Hamid mit Enthüllungen überdie türkischen Zustände zu drohen. Solche Erpresser wurden fast immervon ihm mit Geld abgefunden, und wenn sie gar mit einer Propaganda zu-gunsten irgendeines türkischen, im Serail eingesperrten Prinzen als An-wärter auf den Sultansthron drohten, so wurden sie mit hohen Summen zumSchweigen gebracht. Der erste Dragoman unserer Botschaft, Testa, einerder besten Kenner der türkischen Verhältnisse, erzählte mir, daß sich vorder großen Parade, die zu Ehren des Deutschen Kaisers in Konstantinopelstattfand und der auch ich beiwohnte, ein eigenartiger Zwischenfall er-eignet hatte. Ein türkischer Rittmeister, der sich mit seiner Schwadronzur Parade einfinden sollte, hatte direkt an den Sultan telegraphiert, erhalte es für seine Pflicht, ihm zu melden, daß bedrohliche Truppenbewe-gungen gegen die Hauptstadt im Gange wären. Als ich Testa frug, ob derbetreffende Offizier inzwischen seinen Abschied erhalten habe oder in einIrrenhaus überführt worden wäre, entgegnete mir unser Dragoman: ,,ImGegenteil! Der Sultan hat ihm ein Geldgeschenk gemacht und ihn zu seinemFlügeladjutanten ernannt."

Das besondere Mißtrauen des Sultans galt seinen auswärtigen Missionen,seiner Marine und der Elektrizität. Für seine Vertretungen im Auslandhatte sich Abdul Hamid ein sinnreiches Spionagesystem ausgedacht. DerMissionschef wurde vom Sekretär überwacht, dieser vom Militärattache,der Militärattache von seinem Kameraden, dem Marineattache, der Marine-attache wieder vom Botschafter. Schließlich haben sie alle zusammen denSultan betrogen und verraten. Die Marine wurde von Abdul Hamid bearg-wöhnt und gehaßt, weil sein Vorgänger Abdul Asis von ihr entthrontworden war. Der Marineminister Hassan-Pascha, der für den größten Diebunter allen türkischen Beamten galt, was viel sagen wollte, erfreute sichder besonderen Gunst seines Herrn, weil er nichts unterließ, um die türki-sche Flotte.in Grund und Boden zu ruinieren. Ich habe jahrelang in Kiel ein türkisches Kriegsschiff hegen sehen, das, wenn ich mich recht erinnere,um dem Kaiser ein Geschenk des Sultans zu überbringen, nach unseremschönen Ostseehafen gekommen war. Es konnte die Rückreise nicht an-treten, da der Kapitän kein Geld besaß, um sich mit Kohlen und Lebens-mitteln zu versehen. Die Matrosen konnten erst recht nicht ihren bescheide-nen Lohn erhalten. Die armen Teufel suchten sich als Landarbeiter auf den