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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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EIN STERBENDES REICH

als österreichisch-ungarischer Minister des Äußern Graf Gyula Andrässyauf einen Bericht des damaligen österreichisch-ungarischen Militär-attaches in Konstantinopel, des Grafen Alfred Uexküll, erteilte. Dieserunterbreitete, nachdem er sich in Konstantinopel etwas umgesehen hatte,dem Grafen Andrässy einen langen Bericht, in dem er auf Grund seinerEindrücke die Unmöglichkeit nachwies, daß das türkische Reich noch längerals sehr kurze Zeit am Leben bleiben könne. Graf Andrässy entgegnete ihm,er habe mit großem Interesse diesen Bericht gelesen, der viel, sehr vielZutreffendes enthalte. Er erinnere sich aber, in den ungarischen Archivenden Bericht eines ungarischen Vertreters bei der Hohen Pforte aus dem17. Jahrhundert gelesen zu haben, in dem mit der gleichen Bestimmtheitder Untergang des Osmanischen Reichs für die nächste Zeit prophezeitwurde. Er denke also, die Türkei werde auch die Voraussage des GrafenUexküll überleben. Die Antwort des Grafen Andrässy w _ ar geistreich, aberdoch nicht ganz zutreffend. Die Türkei gehörte zu denjenigen staatlichenGebilden, die Lord Salisbury mit britischer Härte diedying nations"genannt hatte, d. h. zu denjenigen Staaten, die Gebietsverluste geduldighinnehmen und dadurch zeigen, daß sie solche Verluste eigentlich verdienthaben und daß von einem Wiedererwerb nicht mehr die Rede sein kann.Die Türkei hatte im Laufe der Jahrhunderte Ungarn, Siebenbürgen ,Griechenland, Serbien, Bulgarien, die Nordküste von Afrika verloren, undkein Mensch, der Türke am wenigsten, glaubte, daß diese weiten Gebietewieder unter türkische Herrschaft zurückkehren würden. So wenig wieirgend jemand je im Ernst angenommen hat, daß Osterreich die Lombardei und Venetien oder Belgien oder Vorder-Österreich wiedergewinnen würde,die es einst besaß. Deshalb riet ich im Herbst 1898 dem Kaiser, sich wederfür noch gegen die türkische Herrschaft über Kreta zu engagieren. Er sollenichts gegen die Türken unternehmen, aber sich auch nicht zu stark für sieeinsetzen, denn Kreta würde mit der Zeit doch griechisch werden. DerKaiser, der damals die Griechen verachtete, für die er später nach der Ver-söhnung mit seiner Schwester Sophie und Konstantin von Griechenland,und namentlich nach dem Ankauf des Achilleion auf Korfu , schwärmensollte, ging ungern auf solche Vorstellungen ein und konnte es namentlichnicht unterlassen, dem Zaren immer wieder im Interesse der Türken zuzu-setzen. An den Panislamismus und die grüne Fahne habe ich nie recht ge-glaubt und mich darin nicht getäuscht, daß ihre Entfaltung weder den Eng-ländern noch den Franzosen noch den Russen noch den Italienern ernstlicheVerlegenheiten bereiten würde.

Ich verließ die Türkei mit der Überzeugung, daß wir hier ein weitesGebiet für wirtschaftliche Tätigkeit und für den Ernstfall auch einentapferen Freund besäßen, über dessen innere Schwäche wir uns aber keine