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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DERKRANKE MANN

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Illusionen machen dürften und von dessen grüner Fahne nicht viel zu er-warten war. Die Türkei war vielleicht nicht so sehr derkranke Mann",wie Kaiser Nikolaus I. dies 1853 gegenüber dem englischen Gesandten inSt. Petersburg, Sir George Hamilton Seymour , behauptet hatte, aber siewar ein alter Mann, der schon viel durchgemacht hatte und der keineGewaltkuren, geschweige denn wiederholte Gewaltkuren, mehr vertrug.

Während wir in Konstantinopel weilten, hatte ich mehrere Unter-redungen mit dem damab'gen Direktor der Deutschen Bank, Georg von Die Bagdad-Siemens. Dieser hervorragende Geschäftsmann, der eigentliche Vater des bahnGedankens der Bagdadbahn , war sich ebenso wie später Herr von Gwinnerimmer dessen bewußt, daß der großartige Plan nur bei einer vorsichtigen,geschickten und namentlich bei einer den Frieden erhaltenden deutschenPolitik durchzuführen war. Herr von Siemens, der mir als freisinnigerAbgeordneter im Reichstag insbesondere in allen Bank- und Börsenfragendurch Verstandesschärfe und Sachkenntnis einen sehr günstigen Eindruckmachte, starb zu früh, nur sechzig Jahre alt, kaum ein Jahr nach meinerErnennung zum Reichskanzler. Ich entsinne mich wohl der Fahrt, die ichan einem wundervollen Oktobermorgen mit Georg von Siemens von Kon-stantinopel nach Haidar-Pascha unternahm, während deren er mir seinProjekt entwickelte. Es bedurfte sechzehnjähriger Verhandlungen mitvielen ups end downs, bis die Ideen von Siemens der Verwirklichung nahe-kamen. Zwischen uns und England war ein Abkommen über die Bagdad-bahn gerade zustandegekommen, als der Blitz des Ultimatums an Serbien einschlug. Unser damaliger Botschafter in London, Fürst Lichnowsky ,erhielt die kalligraphisch meisterhaft ausgeführte und mit einem wunder-vollen Siegel versehene Ratifikationsurkunde des deutsch -englischenBagdadbahnvertrages an demselben Tage, wo England uns nach unsermEinmarsch in Belgien den Krieg erklärte. Wäre dieses Symptom für dieKopflosigkeit unserer damaligen Außenpolitik nicht gar so tragisch, sowürde ich Juvenal zitieren: Difficile est, satiram non scribere.

Am 26. Oktober landeten wir in Haifa . Während der schönen, ganz

ruhigen Meeresfahrt kamen wir an der Küste von Troja vorbei: Landung in

Syrien

Und Ilias und OdysseeEntstiegen mit Gesang der See.

Bei meiner alten und unbegrenzten Liebe für Homer wäre ich gern aus-gestiegen, um das nun stille Gefilde von Ilion mit dem rauschenden Ska-mander in der blumengeschmückten trojanischen Ebene zu erblicken.Aber Deus mihi non haec otia fecit. In Haifa betraten wir mit hoch-gespannten Erwartungen den Boden des Heiligen Landes. Ich hatte dieHohenzollern " wenige Minuten nach dem Kaiser verlassen, da ich noch