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ZIONISTEN-DEPUTATION
einige Telegramme nach Berlin abzusenden hatte. Ich traf Seine Majestätauf einer Bank vor einer ärmlichen, schmutzigen Hütte. Die Hütte undSeine Majestät waren von Fliegen umschwärmt. Diese Fliegen waren sehrzudringlich. Die Hitze war fürchterlich. In diesem Augenblick näherte sichuns mit feierlicher Miene der Präsident des Evangelischen Oberkirchenrats ,Exzellenz Dr. D. Barckhausen, und begann eine Ansprache, in der er daraufhinwies, daß an dieser Stätte, wie aus der Apostelgeschichte, Kapitel XXI,Vers 7, hervorgehe, der heilige Paulus geweilt habe. Mit der NatürHchkeit,die eine der besten Eigenschaften Wilhelms II. war und immer wieder mitihm versöhnte, entgegnete er dem würdigen Präsidenten: „Das ist allesschön und gut. Ich habe auch eine große Verehrung für Paulus und für alleanderen Apostel, aber jetzt möchte ich statt einer Predigt heber ein GlasSodawasser, um mir den Staub herunterzuspülen."
Der Weg von Haifa bis Jerusalem wurde nicht mit der Eisenbahn,sondern zu Pferde oder im Wagen zurückgelegt, und darüber freuten wiruns alle. Eine Eisenbahn mit Waggons, Schaffnern und dampfender Loko-motive paßte wirklich nicht in die Szenerie und auch nicht in die Stimmungderer, die Sinn für diese Landschaft hatten, wo sich Ereignisse abspielten,die für die Entwicklung der Menschheit bedeutsamer waren als alle politi-schen Vorgänge, alle diplomatischen Ränke, alle kriegerischen Zusammen-stöße der Weltgeschichte. Als wir am nächsten Tage auf unserem Wegenicht weit vor uns eine auf einem Eselchen reitende Frau erblickten, dieein Kind im Arm hielt, neben der ein rüstiger Mann mit gütigem Ausdruckeinherschritt, dachte ich daran, daß einst eine Mutter mit einem Kinde, dasdie Welt erlösen sollte, diese Straße gezogen war.
Am 29. Oktober ritten wir in Jerusalem ein. Der Augenbbck des EinzugsEinritt in ist durch ein Gemälde festgehalten worden, leider von einem sehr mittel-Jerusahm mäßigen Künstler, Hermann Knackfuß , der uns auf der Orientreise be-gleitete und durch seine albernen Vorträge über Kunst und Natur allen Mit-reisenden auf die Nerven ging. Vor dem Tor, durch das wir einzogen, wollteeine Deputation von Zionisten eine Ansprache an den Kaiser richten. Anihrer Spitze stand Dr. Theodor Herzl, ein geistreicher, von heiligem Eiferfür die Sache des Zionismus erfüllter Wiener Publizist. Er war KaiserWilhelm durch den Großherzog von Baden vorgestellt worden. Wilhelm II. war anfänglich Feuer und Flamme für die zionistische Idee, weil er auf dieseWeise sein Land von vielen ihm nicht besonders sympathischen Elementenzu befreien hoffte. Als ihm aber der damaHge türkische Botschafter inBerbn, der uns auf unserer Orientreise begleitete, klargemacht hatte, daßder Sultan vom Zionismus und von einem unabhängigen jüdischen Reichnichts wissen wollte, ließ er die zionistische Sache fallen und weigerte sich,ihre Vertreter in Zion zu empfangen. Am gleichen Tage wurde zuerst die