ALS GARDEDUCORPS IN DER ERLÖSERKIRCHE
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Grabeskirche besucht, wo leider seit langem das Osterfest entweiht zuwerden pflegte durch blutige Schlägereien zwischen orientalisch-orthodoxenMönchen und römisch-katholischen Franziskanern, die nur mit Mühe vonden türkischen Zapties, einen Bambusstock in der Hand, beigelegt wurden.Dann ging es zu der neuerbauten evangelischen Erlöserkirche, wo Dryandereine tiefe, formvollendete und nicht allzu lange, der Feierlichkeit desAugenbHcks, aber auch der herrschenden Hitze angemessene Predigt hielt.Darauf folgte eine zweite Predigt von einem andern, gewiß wohlmeinendenGeistlichen, der sich während einer Stunde über das neue Jerusalem ver-breitete und an der Hand der gewaltigen Visionen der Apokalypse einegenaue Beschreibung der zukünftigen Stadt mit ihren Toren aus Perlenund ihren Gassen aus lauterem Gold gab, wobei er der andächtigen Gemeindenicht einmal die Längen- und Breitenmaße der Stadt und ihrer Jaspis-mauern schenkte. Neben mir saß der wackere, baumlange General vonScholl. Er fühlte sich einer Ohnmacht nahe und hielt nur mit Hilfe vonRiechsalz und einigen Tröpfchen Kognak bis zum Ende aus.
Als die zweite Predigt, die Predigt über das himmlische Jerusalem,beendigt war, erhob sich ziemlich unerwartet der Kaiser, ging auf den Altarzu und holte ein großes Manuskript hervor, um es zu verlesen. Der Kaiserhatte über die prächtige Galauniform der Gardeducorps einen sehrmalerischen seidenen und mit goldenen Fäden durchwirkten Umhanggeworfen, den die erste Kammerfrau der Kaiserin, Fräulein von Beaulieu,ohne daß jemand etwas davon wissen durfte, für ihn gestickt hatte. AlsWilhelm II. plötzlich in solchem Glanz vor dem Altar stand, sah ich, wiedie Kaiserin, die von einer Rede des Kaisers in der Kirche vorher nichtsgewußt hatte, erbleichte. Sie warf mir ängstliche Blicke zu. Offenbar war sievon der Furcht befallen, daß ihr hoher Gemahl, überwältigt von der Weihedes Augenblicks und unter dem Eindruck der fürchterlichen Hitze, nichtmehr ganz seiner Sinne mächtig wäre. Ihre Majestät beruhigte sich abersehr bald, denn der Kaiser verlas eine durchaus würdige und schöne An-sprache, die Lucanus und Bosse für ihn aufgesetzt hatten. Nach der Be-endigung des Gottesdienstes empfing der Kaiser in der Sakristei der Erlöser-kirche Abgesandte der evangebschen Kirchen aus England , Amerika,Holland, der Schweiz , den skandinavischen Reichen, aus allen Ländern, woder evangelische Glaube Eingang gefunden hat. Der Kaiser hielt an dieDeputierten eine warmherzige Anrede, in der er seine unerschütterlicheTreue für die „reine Lehre" betonte.
Am 31. Oktober ging es nach dem Grundstück der Dormitio beataevirginis, das der Sultan dem Deutschen Kaiser zur freien Nutznießung über-lassen hatte. Ich hatte dem Kaiser, als er mir von seiner Absicht derPalästinareise sprach, sogleich erklärt, daß er dieser Fahrt nach Jerusalem