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keinen ausgesprochen oder gar ausschließlich protestantischen Charaktergeben dürfe. Ich wäre für meine Person ein treuer Sohn der evangelischenKirche, aber in Preußen wie in Deutschland könne und dürfe nur pari-tätisch regiert werden. Da die Dynastie evangelisch wäre, müsse um sosorgfältiger alles vermieden werden, was irgendwie die Besorgnis erweckenkönne, als ob das katholische Element und die katholische Kirche zurück-gesetzt werden sollten. Nachdem ich von verschiedenen Seiten gehört hatte,daß der Besitz der Dormitio, wo die heilige Jungfrau beigesetzt sein soll,den deutschen Katholiken eine Freude sein würde, ließ ich durch denDragoman Testa bei der Pforte die nötigen Schritte tun, die rasch zu einemgünstigen Ergebnis führten. Als der Kaiser das den KathoHken ehrwürdigeund von den Beuroner Benediktinern betreute Grundstück besuchte,wurde er dort von dem Patriarchen von Jerusalem, Monsignore Piavi,empfangen, dem Typus eines klugen, feinen und gewandten römischenPrälaten. Der Patriarch hielt eine sehr gelungene Ansprache an den Kaiser,der durch sie so befriedigt wurde, daß er in enthusiastischen Ausführungensich, sein Heer und sein Reich in den Dienst der Mutter Christi stellte, aufderen Ruhestätte wir uns befänden. Monsignore Piavi war seinerseits durchdie kaiserliche Antwort so beglückt, daß er mir, indem er auf den Kaiserwies, sagte: ,,11 est plus grand que Charlemagne, plus pieux que Louis leSaint ." Ich hatte später eine interessante Unterredung mit dem sehr unter-richteten Patriarchen, der ich entnahm, daß er bei voller Hingabe an dieRechte seiner Kirche es doch als einen wichtigen Teil seiner Aufgabe be-trachtete, die Interessen seines italienischen Vaterlandes und des italie-nischen Volkstums nach allen Seiten, nötigenfalls auch gegen die Fran-zosen, zu verteidigen. Er klagte lebhaft über die Jesuiten , die immer für diefranzösischen Interessen einträten und grundsätzlich die italienischenschädigten. Ein sehr lieber Freund wurde mir während unseres Aufent-halts in Jerusalem ein frommer Lazarist, der Pater Schmitz, ein Rhein-länder. Er hat mich später wiederholt in Berlin besucht, und Gespräche mitihm waren mir immer eine Freude und eine Erbauung. Der vortrefflicheMann starb infolge eines Unglücksfalls, wenn ich nicht irre, in Köln , voneinem Straßenbahnwagen überfahren.
Am Abend des Tages, wo wir die evangelische Kirche eingeweiht und dieDormitio beatae virginis übernommen hatten, fand im Zelte des Kaisersein großes Diner statt. Unsere Damen hatten gehofft, daß die AnspracheSeiner Majestät bei diesem Festmahl als Krönung des feierlichen Tageseinen ausgesprochen religiösen Charakter im christlichen Sinne tragenwürde. Der Kaiser feierte jedoch seinen Gastgeber, den Sultan, die Moham-medaner und den Islam in seinem Trinkspruch mit solchem Schwung, daßich dem türkischen Botschafter, der für seinen Souverän um den authen-