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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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LULULU!'

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tischen Text dieser kaiserlichen Rede bat, mit Bestimmtheit erklärte, daßdiese Ansprache nur in der mir richtig erscheinenden Fassung in die Öffent-lichkeit gelangen werde. Taktvoll und verständig, wie der Botschafter war,insistierte er nicht weiter. Auch die von mir abgetönte Ansprache hatAbdul Hamid voll befriedigt. Wir waren in Jerusalem in einem Zeltlageruntergebracht. Der feine Kalkstaub, den der kleinste Windstoß vom Bodenaufwirbelte, machte den Aufenthalt nicht gerade angenehm. Wie oft über-kam mich der Wunsch, diese Reise, die so erhabene und heilige Erinnerun-gen wachrief, allein, ohne Hetze und ungestört durch die Banalitäten eineraus den verschiedensten Menschen zusammengesetzten Umgebung, unter-nehmen zu können. Aber alle unerquicklichen oder widerwärtigen Zwi-schenfälle traten zurück vor dem gewaltigen Eindruck, den ich empfing,als wir mit dem Kaiserpaar uns im Garten Gethsemane im Schatten uralterOlivenbäume versammelten und dort nach einer Ansprache von Dryanderim Gebet niederknieten. Vor uns sahen wir jenseits des tiefen, trocknenKidrontals dieselben kahlen grauen Berge, auf denen der Blick des Erlösersgeruht hatte, den Boden, auf dem er gewandelt war, den Hügel, auf demsein Kreuz gestanden und wo er zum Schächer gesagt hatte:Wahrlich, ichsage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein." Ich habe oft vomKapitol auf das Forum hinabgesehen und viel dabei empfunden. Ich werdeden Blick auf die Akropolis und von der Akropolis auf Salamis und Aegina ,auf Sunion und die fernen Berge des Peloponnes nicht vergessen und denTaygetos und Sparta erst recht nicht. Aber das Bild, das ich auf dem öl-berg vor mir hatte, das Bild des dunklen Kidron und der Stätte, die daheißt Golgatha, das ist verdeutscht: Schädelstätte, lebt am stärksten inmeiner Seele fort.

Ursprünglich war beabsichtigt worden, noch andere heilige Stätten inPalästina zu besuchen. Der Kaiser gab aber diesen Gedanken bald auf, das EmpfangThermometer stieg immer höher, die Reise fing an, ihn zu ermüden. So ' n Damask,schifften wir uns am 4. November wieder in Jaffa ein, von wo wir am8. November Damaskus erreichten. Der Enthusiasmus des Kaisers für denIslam erreichte hier seinen Höhepunkt. Er erblickte zum erstenmal einearabische Stadt, arabische Innenhöfe mit Springbrunnen, den Reiz ara-bischer Basars, den großen Zauber arabischer Architektur und Lebens-auffassung. Mehr aber noch war sein empfängliches Gemüt durch zweiEindrücke beherrscht. Wo er erschien, begrüßte ihn die Bevölkerung mitdem langgezogenen, in Gutturaltönen hervorgestoßenen Zuruf:Lululu,Lululu, Lululu." Dieser monotone Zuruf wirkte auf ihn wie Haschisch. Ichhabe diesen stumpfsinnigen Refrain viele Jahre später unter sehr ver-schiedenen Umständen, aber ähnlich wieder vernommen, als um die Jahres-wende 1918/1919 kommunistische Demonstranten durch die Straßen von

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