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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER GROSSE SALADIN

Berlin zogen mit dem in gleichförmigem Takt immer wiederholten Rufe:Hoch Liebknecht! Nieder Ebert!" Es scheint, daß unseren Kom-munisten diese Art von monotonem, aber gerade dadurch wirksamem Gesangvon russischen Bolschewisten unter Hinweis darauf empfohlen worden war,daß damit in Rußland gute Erfolge für den Sowjet-Stern erzielt wordenwären. Ein neuer Beweis dafür, wieviel Asiatisches das Russentum in sichbirgt. Noch mehr als das immer wieder ertönendeLululu" der Bevölkerungerfreuten den Kaiser zwei syrische Soldaten, die der Sultan ihm beigegebenhatte. Der Kaiser behauptete, diese Syrier, stattliche Gestalten mit fun-kelnden Augen, hätten von dem Beherrscher der Gläubigen den Befehl, jedenniederzustechen, der den Freund des Kalifen , den Deutschen Kaiser,scheel anschaue. Jedenfalls saßen die beiden Tapferen, in der Hand einRiesengewehr mit einem langen Bajonett an der Spitze des Gewehrs, aufdem Bock des kaiserlichen Wagens und warfen fürchterliche Blicke um sich.

Als in Damaskus der Scheich Abdobah Effendi auf dem Festmahl, dasdie Stadt dem Deutschen Kaiser zu Ehren gab, ihn mit freundlichen Wortenbegrüßte hatte, hielt Wilhelm II. eine Rede, in der er mit enthusiastischenWorten für den herrlichen Empfang der Stadt Damaskus dankte. Er seitief ergriffen von diesem überwältigenden Schauspiel, zugleich aber bewegtvon dem Gedanken, an der Stelle zu stehen, wo einer der ritterlichsten Herr-scher aller Zeiten, der große Sultan Saladin geweilt habe, ein Ritter ohneFurcht und Tadel, der oft seine christlichen Gegner die rechte Art desRittertums hätte lehren müssen.Möge Seine Majestät der Sultan undmögen die dreihundert Millionen Mohammedaner, die, auf Erden zerstreutlebend, in ihm ihren Kalifen verehren, dessen versichert sein, daß zu allenZeiten der Deutsche Kaiser ihr Freund sein wird." Nach Aufhebung derTafel ließ ich mir den Stenographen kommen, der uns begleitete, um etwaigekaiserliche Ansprachen aufzunehmen, und sagte ihm, daß er diese Redenicht veröffentlichen dürfe, bevor ich sie korrigiert hätte. Er erwiderte mitziemlicher Verlegenheit, auf Weisung des Botschafters von Marschall, dersich auf einen direkten kaiserlichen Befehl berufen habe, sei das Telegramman Wolff sofort und schon seit geraumer Zeit abgegangen. Ich hatte darauf-hin eine ernste Auseinandersetzung mit Marschall, dem ich sagte, ich ver-stünde, daß er die Dinge mehr von seinem gegenwärtigen Standpunkt,d. h. als Botschafter bei den Türken, auffasse. Ich hätte aber die Pflicht,Übertreibungen dieses diplomatischenSchwadronstandpunkts" zu ver-hindern, die einerseits in Konstantinopel gefährliche Illusionen erwecken,andererseits Franzosen , Engländer und Russen, die über Millionen vonmohammedanischen Untertanen geböten, mißtrauisch machen und gegenuns verstimmen könnten. Ich habe die Beziehungen zur Türkei währendmeiner ganzen Amtszeit sorgsam gepflegt, und es gibt keinen türkischen