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Glaubwürdigkeit nachgesagt wurde, daß er sich als Ehemann mancheSeitensprünge erlaubt habe.
Bei aller Trefflichkeit ihres Wesens hat die Kaiserin Auguste Viktoriaunsere Beziehungen zu Rußland wie namentlich zu England und bis zueinem gewissen Grade auch zu Italien durch ihr Ausländern gegenübersteifes und sprödes Wesen nicht erleichtert. Wenn ihr Gemahl in dieserBeziehung zu viel tat, war sie bisweilen geneigt, zu wenig zu tun. Die Kai-serin war eine durch und durch fromme Christin. Sie überwachte sorgsamden Religionsunterricht ihrer Kinder. Sie wollte nicht, daß in irgendeinemPunkt von der Auffassung strenger Gläubigkeit abgewichen würde, in dersie ihr Vater, Herzog Friedrich VIII. von Augustenburg, erzogen und derOberhofprediger Dibelius in Dresden eingesegnet hatte. Die Kinder solltenglauben, daß der Prophet Jonas sich einige Tage im Bauche eines Wal-fisches aufgehalten hätte und daß auf des tapferen Josuas Gebot die Sonnestillstand zu Gibeon und der Mond im Tal Ajalon. Die Kaiserin war nichtunduldsam, aber wenn Rationalisten ihr unsympathisch, Atheisten ab-scheulich erschienen, so blickte sie auf die katholische Kirche mit derScheu, die manche an sich treffliche Protestanten vor dem „altbösenFeind" des Lutherliedes empfinden, dessen grausame Werkzeuge großeMacht und viel List sind. Sie erzählte mir selbst einmal, daß der ausgezeich-nete Kultusminister Graf Robert von Zedlitz ihr mit Bezug hierauf, beiseinem Rücktritt, in seiner Abschiedsaudienz gesagt habe: „Eure Majestätsind mir nicht tolerant genug." Ich habe mich oft bemüht, bei der KaiserinVerständnis für die vielen, großen und schönen Seiten der katholischenKirche und der katholischen Weltanschauung zu erwecken, aber ohnedamit viel Erfolg zu haben. Die Kaiserin würde nie eine Ungerechtigkeitgegenüber Katholiken oder gar eine Verletzung der Rechte der katho-lischen Kirche gebilligt haben, dazu war sie zu pflichttreu und zu gütig.Aber sie konnte sich nicht entschließen, Katholiken als Oberhofmeisteroder Hofdamen in ihre nähere Umgebung zu ziehen, wie ich ihr das wieder-holt riet. Sie konnte sich freilich mit einigem Recht darauf beziehen, daßam bayrischen Hofe die Hofdamen ausnahmslos katholisch waren, obwohlzwei Fünftel der bayrischen Bevölkerung evangelisch sind.
Der Kaiser wußte, was er an seiner Gemahlin hatte. Er hebte sie, freilichin den Grenzen seiner naiven Selbstsucht. Er kannte und würdigte ihreTreue, aber sie erschien ihm, namentlich verglichen mit seiner Mutter, alseine kleine Prinzeß. „Man merkt ihr immer wieder an", meinte er mehr alseinmal zu mir, „daß sie nicht in Windsor aufgewachsen ist, sondern inPrimkenau." Politische Eingriffe hat sich die Kaiserin nie erlaubt. Soweitsie sich um Politik kümmerte, stand sie auf dem Standpunkt eines ortho-dox-protestantischen Konservativen mit instinktiver Vorliebe für die