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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE PRINZESSIN VON AUGUSTENBURG

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Agrarier als die sicherste Stütze von Thron und Altar. So wie sie war,würde sie eine vortreffliche Kommandeuse geworden sein, wie man in derSprache unserer alten ruhmvollen Armee sagte. Sie würde sich als Fraudes Kommandierenden Generals oder des Oberpräsidenten einer Provinz,auch als Ministergattin allgemein Achtung und Liebe erworben haben. Inallen diesen Stellungen würde das Urteil über sie gelautet haben: TadelloseFrau, durch und durch pflichttreu und so ganz deutsch! Sie hatte nicht diekomplizierte Seele der Russin, nicht den Elan der Polin, nicht die Härteund noch weniger die Koketterie der Französin, nicht die Leidenschaftund den Charme der Italienerin. Sie war auch kein Sport-woman wie dieEngländerin, und jeder Gedanke an Flirt lag ihr meilenfern. Ihre Verbin-dung mit dem künftigen König von Preußen und Deutschen Kaiser, demdamaligen Prinzen Wilhelm von Preußen, war von der Königin Victoriavon England und deren ältester Tochter, der Kronprinzessin von Preußen ,schon beschlossen worden, als die Prinzessin Auguste Viktoria von Schles-wig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg ebenso wie ihr künftiger Gemahlnoch Kinder waren. Wilhelm II. hat mir gelegentlich erzählt, er sei alsKnabe einmal in Venedig gewesen. Da habe ihn seine Mutter mit einemKranz nach einer Insel in der Nähe von Venedig geschickt, wo sich dasGrab einer längst verstorbenen Prinzeß von Holstein befunden habe, dorthätte er den Kranz niederlegen müssen. Erst später habe er begriffen, daßdamals schon seine Vermählung mit einer Prinzeß von Holstein beschlos-sene Sache gewesen wäre. Die Familie Holstein hatte gefürchtet, daß FürstBismarck im Hinblick auf die politischen Streitigkeiten, die er mit demHerzog Friedrich von Augustenburg gehabt hatte, nicht seine Einwilligungzu einer Verbindung des künftigen Königs von Preußen mit einer Tochterdes Herzogs geben würde. Diese Besorgnis stellte sich als unbegründetheraus. Der Kanzler erhob keinen Widerspruch. Trotzdem stand dieKaiserin Auguste Viktoria dem Fürsten Bismarck innerlich kühl gegen-über. Sie hat nie die aus Augustenburgischer Ranküne, Mißtrauen undFurcht gemischte Scheu überwunden, mit der sie bei der ersten Defibercournach ihrer Vermählung den großen Kanzler begrüßt hatte. Herbert Bis-marck war ihr ganz antipathisch. Daß er in feucht-fröhlicher Stimmunggelegentlich formlos sein konnte, würde sie allenfalls verziehen haben,nicht aber dieunpassenden" Witze und Anekdötchen, die er auch vorDamen zum besten gab. Ich glaube nicht, daß die Kaiserin Auguste Vik-toria auf den Sturz des Fürsten hingearbeitet hat, dazu war sie zu gewissen-haft, auch lagen ihr Intrigen fern. Aber sie hat, wie gesagt, bei aller ihrersonstigen Herzensgüte und trotz ihres aufrichtigen Christentums demgroßen preußischen Minister ganz doch nie verziehen, daß er ihren Vaterund ihr Haus verhindert hat, den Thron des meerumschlungenen Schleswig -