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MULIER FORTIS
Holstein zu besteigen. Sie hielt Bismarck für den „bösen Mann" undmeinte einmal in meinem Beisein, der liebe Gott habe dem guten altenKaiser Wilhelm die für eine erfolgreiche Politik in dieser schlechten Weltvielleicht notwendigen Sünden und Bosheiten ersparen wollen und sie des-halb von Bismarck ausführen lassen.
Die partikularistischen Velleitäten der Kaiserin machten übrigens aufihren Gemahl nicht den mindesten Eindruck. Als er zum erstenmal alsKaiser ein Manöver in der Provinz Schleswig-Holstein abhielt, ließ er dieChefs der beiden Linien des Hauses Holstein, seine beiden Schwäger, denHerzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburgund den Herzog Friedrich Ferdinand von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg , als Ordonnanzoffiziere vor seinem Wagen reiten.
Die Kaiserin Auguste Viktoria war eine optimistische Natur. Sie warerfüllt von dem festen, unerschütterlichen Glauben an die göttliche Hilfe,die den Frommen und Guten nicht im Stich läßt, wie uns das in so vielenschönen Psalmen verkündet wird. Als die bösen Tage kamen, hoffte undglaubte sie bis zuletzt. Sie war unermüdlich in Pflichterfüllung, in Fürsorgefür die Verwundeten, die Kranken und Hungernden. Sie hielt den Kaiseraufrecht, sie ermutigte ihn, der leicht zwischen Furcht und Hoffnung hinund her schwankte. Es ist richtig, daß sie sich über die Lage, in die wir durchunsere ungeschickte Diplomatie im Sommer 1914 und durch eine schwachepohtische Zügelführung während des ganzen Krieges geraten waren, biszuletzt Illusionen gemacht hat. Aber einmal hoffte sie wie Augustinus contra spem, d. h. gegen menschliche Auffassung, auf die göttliche Hilfe.Und dann fürchtete sie für den Fall, daß der Kaiser die Lage in ihrer vollenGefährlichkeit erkenne, einen völligen moralischen Zusammenbruch ihresGatten. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, hat sie bis zuletzt nachMöglichkeit verhindert, daß dem Kaiser ganz reiner Wein eingeschenktwurde. Als aber der Niederbruch kam, war sie die Mulier fortis der HeiligenSchrift. Sie hätte nicht Heer und Land verlassen. Sie behielt den Kopf oben,sie hielt sich würdig und aufrecht, auch als roher Mob sie am 9. November1918 in ihren Wohnzimmern im Schloß bedrohte und beschimpfte. Anihrem Hochzeitstage war ihr Lieblingshed, das schöne Lied des GrafenNikolaus Zinzendorf : „Jesu, geh voran", von der Schloßgemeinde gesungenworden. Den zweiten Vers dieses Liedes hat die Kaiserin wahr gemacht:
Soll's uns hart ergehen,
Laß uns feste stehen
Und auch in den schwersten Tagen
Niemals über Lasten klagen;
Denn durch Trübsal hier
Geht der Weg zu dir.