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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE ENGLÄNDER AUF MALTA

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Nur wenige Tage nachdem der Kaiser nach Holland geflohen war, begahsich die Kaiserin zu ihm. Als sie in Amerongen ankam, stand Wilhelm II. vor ihr auf der Fallbrücke, die in das kleine holländische Schloß führt. Siehatte ihn nicht mehr gesehen, seitdem er Anfang November das NeuePalais verlassen hatte, um sich an die Front zu begeben. Wilhelm II. sahsehr unglücklich aus, vor allem sehr verlegen. Die Kaiserin aber, so erzähltemir ein Augenzeuge dieser Begegnung, wandte ihrem Gemahl einen Blickgrenzenloser, tiefster Liebe zu, den Blick einer Mutter, die zu ihrem Sohnsagt:Was du auch getan haben magst, meiner Liebe, meines Verständ-nisses, meiner Nachsicht, wo du solcher bedarfst, bist du immer sicher."Sie hat, bevor sie erlöst wurde, nicht nur seelisch, auch körperlich schwerleiden müssen. Ich bin überzeugt, daß sie diese Leiden geduldig getragenhat als eine Prüfung und im festen Glauben an das Jenseits. Und so mögesich an der edlen und guten Frau das Schlußwort des ZinzendorfschenLiedes erfüllen:

Tu uns nach dem LaufDeine Türe auf.

Die Rückreise von Syrien nach der Heimat sollte ursprünglich überMalta und Gibraltar gehen. Der Kaiser begründete seine Reiselust in dieser RückfahrtRichtung damit, daß er zur Beurteilung der europäischen Gesamtsituation " 6er Malta sich durch den Augenschein davon überzeugen müsse, wie stark die eng-lische Position in diesen beiden Hauptstützpunkten der Engländer imMittelmeer wäre. Es gelang der Kaiserin, ihrem Gemahl Gibraltar auszu-reden, indem sie ihm vorstellte, daß die Rückreise von dort auf dem Land-wege über Spanien ein zu großer Umweg wäre, während es andererseitskeinen rechten Sinn hätte, an den Toren des Herkules umzukehren. Sowurde, zur Befriedigung aller Reisegefährten, auf eine weitere Ausdehnungder Reise verzichtet, und wir begnügten uns mit Malta, der Insel, wo Phöni-zier und Karthager, Römer, Vandalen und Goten, Byzantiner und Arabergeherrscht, wo der ritterliche Orden St. Johannes vom Spital und derPremier consul Bonaparte geboten hatten, bis sie wie so viele andere wich-tigste Punkte der Erde an England fiel, das mit neuen Methoden und inanderer Form die römische Weltherrschaft erneuert hat.

Vor unserem Eintreffen hatte der Kaiser wiederholt bei Tisch erklärt,daß er gegenüber dem Engländer auf Malta und insbesondere gegenüberden englischen Seeoffizieren eine ernste Sprache führen werde, denn erhabe sich über eine Reihe englischer Übergriffe und Unfreundlichkeiten zubeklagen. In letzterer Richtung war die Ranküne Seiner Majestät damalsübertrieben, sie kam aber überhaupt nicht zum Ausbruch, denn wie meistbei persönlichen Begegnungen mit Engländern erlag der Kaiser dem Zauber,