DIE „BRAVE BÜRGERSCHAFT'
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sondern auch ihren Kalifen, d. h. den Statthalter Gottes, verehrten, fürandere Länder vorbildlich sein könnte. Der Segen des Himmels ruhe sicht-bar auf der Türkei , auch wirtschaftlich wäre das Land in blühendemZustand.
Als wir mit der Eisenbahn nach Berlin zurückfuhren, meinte der Kultus-minister Dr. Bosse mir gegenüber, er sei tief erschüttert durch die kaiser-liche Ansprache. Er habe mit einer größeren Anzahl Geistlicher um diegleiche Zeit wie der Kaiser und ungefähr auf demselben Wege Palästinaund Syrien besucht. Er habe überall Armut, Verwahrlosung und Mißregie-rung konstatiert. Wie sei es möglich, daß sich der Kaiser, ein so hochbegab-ter Herr, in solchen Illusionen bewege ? Fürst Hohenlohe fühlte sich wiederan Ludwig II. von Bayern erinnert, der für die Inseln im Ägäischen Meergeschwärmt habe und das prosaische Bayern gern für sie eingetauscht hätte.Ich möchte auch bei diesem Anlaß wiederholen, daß nach meiner festenUberzeugung der Kaiser geistig nicht anormal war, wohl aber oberflächlich,sehr impressionabel, ohne Kritik gegenüber der eigenen Phantasie, ohneHemmungen und darum allerdings oft der Spielball wechselnder Eindrücke.
Am 1. Dezember hielt der Kaiser mit der Kaiserin einen feierlichenEinzug in Berlin. Er wurde vom Bürgermeister am Brandenburger Tor Einzugbegrüßt, dem er erklärte, daß er auf seiner Orientreise schöne und mächtige in Berlin Eindrücke auf dem Gebiete der Religion, der Kunst und Industrie gewon-nen habe. Das eine könne er dem Bürgermeister sagen, daß er den deutschenNamen überall, in allen Ländern und allen Städten, geschätzt undgeachtet gefunden hätte wie nie zuvor. Der Bürgermeister möge der „bra-ven Bürgerschaft" seinen Dank übermitteln. Der Kaiser hatte in seinergroßen Liebenswürdigkeit meine Frau und ihre gerade bei ihr weilendeMutter Donna Laura Minghetti aufgefordert, sich seinen Einzug von demBalkon des Niederländischen Palais anzusehen. Donna Laura, die einenscharfen Verstand besaß, übrigens Kaiser Wilhelm II. schon wegen seinerGüte für ihre Tochter und für mich sehr hebte, sagte mir, nachdem sie sichden Einzug angesehen hatte: Ein Monarch täte besser, sich eine solche„Entree triomphale" nur nach einem gewonnenen Kriege zu erlauben. Essei ein großes Glück für Deutschland und für Europa , daß der Kaiser fried-lich gesinnt sei. Aber Einzüge wie dieser, nach einer Reise, deren Arrange-ment Cook übernommen habe, hätten etwas Ridiküles.
Während ich im Orient weilte, erhielt meine Frau aus Windsor Castle mehrere Briefe von der ihr so gütig gesinnten Kaiserin Friedrich , die dort Briefezu Besuch bei ihrer Mutter weilte. Unter anderem schrieb sie: „Dearest der KaiserinMarie — the only reason why I regret not being at Berlin — is that I can Friedrichhave no little chats with you! L'inverno a Berlino mi pare sempre tantotristo, adesso piü che mai! I would be very grateful to escape one of these