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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER BÖSE ZAHLER PORTUGAL

Objekt, die portugiesischen Besitzungen in Afrika , sondern auch darauf an,bei diesem Anlaß festzustellen, wie weit wir uns auf die englische Bonafides verlassen konnten. Die Gelegenheit war günstig. Portugal , der böseZahler, befand sich in einer Geldklemme, unter der seine Gläubiger,Deutschland wie England , seit Jahren litten, da sie gar keine Zinsen mehrerhielten. Portugal bot bei uns wie in England Verkauf oder Verpfändungseiner Besitzungen an. Nach unserem Abkommen sollten Mozambique , fürdessen Hafen Laurenco-Marquez England schon seit längerer Zeit ein Vor-kaufsrecht besaß, in die engbsche Sphäre fallen, die portugiesischen Be-sitzungen an der afrikanischen Westküste in unsere Sphäre. Der portugiesischeBesitz im Sunda-Archipel sollte zwischen den beiden Großmächten geteiltwerden. Das Abkommen wurde im Oktober 1898 unterzeichnet. Als ich EndeAugust dem Kaiser melden konnte, daß sich die englische Regierung inallen wesentlichen Punkten mit unseren Vorschlägen einverstanden erklärthätte, telegraphierte mir Seine Majestät:Diese Wendung begrüße ich mitFreude, die um so größer ist, als durch die Friedens- und Abrüstungs-vorschläge und das sich anschließende Gerede die Kriegsaussichten sichwesentlich mehren. Ich danke Ihnen, lieber Bülow, für die aufopfernde underfolgreiche Arbeit und die Geschicklichkeit, mit der Sie England dazugebracht haben, uns endlich nachzugeben. Es ist dieses wieder ein großerTriumph Ihrer diplomatischen Feinheit und Weitsichtigkeit."

Um die Wende des Jahrhunderts erfuhr ich durch die IndiskretionDer Windsor- eines mir seit meiner Jugend befreundeten nicht deutschen DiplomatenVertrag un( l wurde mir durch Nachrichten aus Pariser Bankkreisen bestätigt,daß England ein Jahr nach seinem Abkommen mit Deutschland eingeheimes Abkommen mit Portugal geschlossen hatte, den sogenanntenWindsor -Vertrag, der alte Verträge ausdrücklich wieder bestätigte, indenen sich das mächtige England und dessen langjähriger Klient, daskleine Portugal , ihren beiderseitigen Besitzstand garantierten mit der Ver-pflichtung, ihn im Notfall gegenseitig zu verteidigen. Das Zustande-kommen des Windsor-Vertrages war namentlich durch den damaligenPrinzen von Wales gefördert worden, zu dessen persönlichen und intimenFreunden der portugiesische Gesandte in London , Marquis Soveral, ge-hörte. Natürlich stand dieser Windsor-Vertrag mit dem Geist des deutsch-englischen Abkommens über die portugiesischen Kolonien in flagrantemWiderspruch. Er war nicht nur eine Garantie für Portugal , sondern gerade-zu eine Ermunterung für dieses Land, seine Kolonien nicht zu belasten. Erstärkte die alte Neigung der Portugiesen, in allen wirtschaftlichen FragenEngland zu bevorzugen. Gar nicht davon zu reden, daß die politischeAbhängigkeit der Portugiesen von England durch den Windsor -Vertragnoch erheblich verstärkt wurde.