REVANCHE UND FRIEDEN
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hatte, glaubten viele Leute in Deutschland , das „Duobus litigantibus,tertius gaudet" müsse Motiv und Ziel der deutschen Politik sein. Ich habeauch später gelegentlich im Reichstag darauf hingewiesen, daß wir nichtvon der Feindschaft zwischen anderen Mächten leben könnten. Ich habeunter vier Augen mehr als einem deutschen Politiker und Publizisten aus-einandergesetzt, das sicherste Mittel, Streit zwischen anderen Mächten zuverhindern, sei, daß wir Sehnsucht nach solchen Differenzen verrieten unddie Freude des Tertius gaudens gar zu naiv zur Schau trügen. Aber die un-politische, die meist mit dem Gefühl, selten mit kalter Überlegung operie-rende Art der Söhne des Teut verfiel immer wieder in diesen Fehler. DieStimmung der Franzosen uns gegenüber ist nie besser charakterisiert wor-den als durch jenes von mir bereits erwähnte Wort: „La France desire larevanche, mais eile veut la paix." Frankreich hat seit 1871 niemals wederdas Straßburger Münster noch die Metzer Kathedrale noch vor allem diebeherrschende Stellung vergessen, die es im Laufe der letzten Jahrhundertewiederholt in Europa einnahm. Solche Wünsche lebten als Unterströmun-gen in fast allen französischen Herzen fort. Damit sie es aber auf den Kriegankommen ließen, mußte den Franzosen eine Situation geboten werden,wie sie durch das Ungeschick unserer politischen Leitung im Sommer 1914plötzlich vor ihnen lag: die von unserer Seite erfolgte Kriegserklärung anRußland, die ebenfalls von uns ausgehende Kriegserklärung an Frankreich selbst, die daraus hervorgehende Möglichkeit für ItaUen und Rumänien ,sich nach dem Wortlaut der Verträge ex nexu foederis zu setzen, die Inva-sion Belgiens , die der englischen Regierung die Möglichkeit gab, und ihrnach englischer politischer Tradition fast die Pflicht auferlegte, gegen unsvorzugehen, und endhch, last not least, Reden und Worte des deutschen Kanzlers Bethmann, die von vornherein alle Imponderabilien in das Spielunserer Gegner brachten.
England gegenüber lagen die Verhältnisse auch 1898 anders als mitFrankreich. Von Unversöhnlichkeit war dort keine Rede. Es bestand in Deutschland England viel Neid gegen uns, auch Mißtrauen und Abneigung namentlich in unc * Englamhöheren Kreisen. Der Prinz von Wales mochte die Deutschen nicht undhaßte seinen Neffen, den Kaiser Wilhelm . Es gab aber andererseits weiteenghsche Kreise, und zu diesen gehörten viele der besten und ehrenwertestenEngländer, denen ein Krieg zwischen Deutschland und England als einVerbrechen erschien. Ich hatte im Sommer 1898 in vollem Einvernehmenmit unserem Botschafter in London, dem Grafen Paul Hatzfeldt , einenVersuch gemacht, uns mit England über afrikanische Fragen in einer Weisezu verständigen, durch die berechtigte Empfindungen anderer nicht ver-letzt werden konnten und die gleichzeitig den Interessen der beiden Kon-trahenten gleichmäßig Rechnung trug. Es kam mir dabei nicht nur auf das
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