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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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MARCHAND ZURÜCKGEHOLT

Räumung auf. Marchand weigerte sich, ohne Befehl seiner RegierungFaschoda zu verlassen. Die französische Presse tobte, aber die französischeRegierung dachte nicht einen Augenblick daran, sich wegen einer afrika-nischen Frage mit England zu brouillieren.

Die französische auswärtige Poktik wurde damals von Delcasse geleitet,Delcasse dem zähesten und dabei geschicktesten Vertreter der Revanche-Idee, dersein ganzes Denken, Sinnen und Leben gehörte. Er Heß der englischenRegierung keinen Zweifel darüber, daß Frankreich aus der Faschoda-Fragekeinen ernsten Zwist, geschweige denn einen Casus belk' machen würde.Wie ich nicht lange nachher aus sicherer Quelle hörte, erklärte Delcasseohne Umschweife dem englischen Botschafter:Solange die Deutschen inStraßburg und Metz stehen, hat Frankreich nur einen einzigen permanen-ten Feind. Unter diesem Gesichtswinkel werden wir jede Differenz mitanderen Mächten, mit England wie mit Rußland, mit ItaUen und Spanien wie mit Amerika behandeln und beilegen." Eine Note der Agence Havasmeldete denn auch, daß die französische Regierung beschlossen habe, dieMission Marchand in Faschoda nicht aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig de-mentierte sie in scharfer Form alle beunruhigenden Gerüchte, die über dieBeziehungen zwischen Frankreich und England verbreitet würden. Es seidurchaus unrichtig, daß in irgendeinem französischen Kriegshafen außer-ordentliche Maßregeln getroffen würden. Ein mir befreundeter Vertretereines bei diesem Streitfall unbeteiligten Landes in Konstantinopel erzähltemir später, daß, als dort die Nachricht eingetroffen wäre, daß Frankreich in dem Faschoda-Streitfall auf der ganzen Linie nachgegeben hätte, derfranzösische Botschafter, Paul Cambon, der spätere Botschafter in London ,ihm gesagt habe:Je suis ravi de cette bonne nouvelle." In Deutschland verfielen damals öffentliche Meinung und Presse, wie schon früher und wieleider nur zu oft auch später, in den Fehler, gegenüber dem englisch -fran-zösischen Streit mit wenig Witz und viel Behagen, vor allem mit sehr wenigTakt die Haltung anzunehmen, in der sich das Straßenpublikum gefällt,wenn zwei Hunde aneinanderkommen. Gegenüber einer so schiefen Einstel-lung und solchen Entgleisungen der deutschen Stimmung und der siereflektierenden Presse konnte ich acht Jahre später in meiner Rede vom14. November 1906* mit Recht vom mißverstandenen Bismarck sprechen.Weil in den Jahren des Werdens des Deutschen Reichs, in einer Zeit, woEifersucht, Mißtrauen und Haß gegen unsere wachsende Macht und unserenzunehmenden Wohlstand bei weitem nicht so hoch gestiegen waren wieseitdem, Fürst Bismarck mit seiner einzigartigen, genialen Findigkeit ausden Gegensätzen zwischen den anderen Großmächten Vorteile gezogen

* Fürst Bülows Reden. Große Ausgabe II, S. 326; Kleine Ausgabe IV, S. 134.