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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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CHAMBERLAIN NACHDENKLICH

noch bevor ich Wind von dem Windsor-Vertrag bekam, Graf Paul Hatzfeldtan seinen Freund Holstein richtete. Der Brief ist nicht uninteressant durchdie Schlaglichter, die er auf das Verhältnis zwischen dem PremierministerSalisbury und dem Kolonialminister Chamberlain wirft. Er zeigt auch, wiesich unser nüchterner und erfahrener Botschafter in London keine Illu-sionen darüber machte, daß Chamberlain schon damals gern einen Vertragmit uns schKeßen wollte, der seine Spitze gegen Bußland richten sollte,daß er uns reale Vorteile aber ebensowenig gönnte wie Salisbury .

London , den 27. Juni 1898

Lieber Freund,

ich liege seit zwei Tagen zu Bett mit einer ziemlich starken Erkältung.Verloren ist dabei nichts, da ich es, auch wenn ich wohl wäre, nicht fürrichtig halten würde, Salisbury gegenüber zu große Eile in der portugiesi-schen Frage zu zeigen. Den Leuten hier, mit Einschluß von Salisbury undChamberlain, ist es odios, uns einen fetten Bissen zuwenden zu sollen.Ihre Frage, ob ich glaube, daß durch Chamberlain mehr zu erreichen wäre,glaube ich nach bestem Wissen verneinen zu müssen. Wenn ich ihmeine politische Abmachung mit der Spitze gegen Bußland bietenkönnte, würde er mir gewiß erhebliche koloniale Zugeständnisse machen,ohnedem aber nach meiner Uberzeugung gewiß nicht. Mit Salisbury stehenwir, obwohl er uns auch nichts gönnt, insofern besser, als er keine politischeAbmachung gegen Bußland verlangt und dennoch für politische Erwä-gungen Verständnis hat, deren Gewicht Chamberlain nicht zu be-urteilen vermag oder doch unterschätzt. Was ich meine, werden Sieaus folgendem ersehen. Im Laufe einer meiner letzten Unterhaltungen mitSalisbury über die portugiesische Frage sagte ich ihm:Sehr zu bedauernwäre es, wenn man hier nicht verstände, daß man durch eine unfreundlicheund abweisende Haltung in dieser Frage allen denjenigen bei uns, die gegenfreundschaftliche Beziehungen mit England und für eine intime Verständi-gung mit seinen Gegnern sind, selbst Waffen und Argumente dafürin die Hand gibt." Er machte ein nachdenkliches Gesicht und erwiderte:Das ist gerade die unangenehme Alternative, in der wir uns befinden."Obwohl er nicht näher darauf einging, beweisen diese Worte für den-jenigen, der ihn kennt, hinreichend, daß die Besorgnis, uns ganz in dasrussische Lager zu treiben, auf ihm lastet und in seinen Erwägungen einebedeutende Bolle spielt. Dies ist von Chamberlain nicht oder nicht indemselben Maße zu erwarten. Bei dieser Gelegenheit will ich noch eineandere Äußerung Salisburys vertraulich für Bülow und Sie anführen, dasie sich für einen Bericht nicht eignet. Als ich ihm gegenüber hervorhob,welche Dienste wir den Engländern bezüglich Ägyptens geleistet, und dabei