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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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HÖFISCHER ZWISCHENFALL

Zusammenstoß zwischen Frankreich und England und habe deshalb voreinem Jahr beruhigend auf die Franzosen eingewirkt. Der Zar hob hervor, daßer in Potsdam persönlich und politisch sehr günstige Eindrücke empfangenhabe. Er wünsche die allerbesten Beziehungen mit Deutschland zu unter-halten, des relations cordiales, süres et intimes. Es gäbe keinen Punkt, woDeutschland und Rußland entgegengesetzte Interessen hätten. BeideLänder könnten überall in Freundschaft und für den Frieden zusammenwirken. Nur einen Punkt gäbe es, fügte Kaiser Nikolaus hinzu, wo wir dierussischen Traditionen berücksichtigen und schonen müßten, nämlich imOrient. Wir dürften nicht den Anschein erwecken, als ob wir Rußland politisch oder wirtschaftlich ganz aus dem Balkan verdrängen wollten, mitdessen christlichen Völkern es nun einmal seit Jahrhunderten durch zahl-reiche Bande nationaler und religiöser Natur verknüpft wäre. Selbst wenner, meinte der Zar, persönHch in dieser Beziehung skeptischer oder indiffe-renter dächte, würde er doch die russische Tradition auf der Balkanhalb-insel wahren müssen. In dieser Beziehung könne er sich nicht in Wider-spruch mit den Uberheferungen und Gefühlen seines Volkes setzen und auchnicht mit dessen Hoffnungen, die, wie ich aus meiner Petersburger Zeitwisse, in der Richtung auf die Dardanellen gingen.Les sentiments et lesreves du peuple russe vont dans la direction des detroits." Der Kaiser fügtehinzu, wie er hoffe, daß es durch gegenseitige Rücksichtnahme und loyaleAussprache gelingen werde, in dieser Beziehung jedem Anlaß zu Mißver-ständnissen, Reibungen und Konflikten zwischen uns vorzubeugen.

Graf Murawiew erwähnte mir gegenüber gesprächsweise den Besuch, denim August der französische Minister des Äußern Delcasse unter osten-tativer Vermeidung von Berlin in St. Petersburg abgestattet habe, undäußerte bei dieser Gelegenheit, Hanotaux habe einen freieren Blick gehabtals Delcasse, der ganz in die Idee der Revanche verrannt sei.Delcasse estun maniaque qui subordonne tout ä l'idee de la revanche. II ne voit queStrasbourg sans penser aux interets superieurs de l'Europe, ni surtout auxinterets monarchiques, qui pour nous comme pour vous doivent passer enpremiere ligne et qui unissent nos deux pays." Auch Murawiew gratuliertemir zu dem Abschluß unseres Samoa-Vertrages mit England und Amerika ,indem er betonte, er freue sich über alles, was Frieden und Ruhe in Europa zu fördern geeignet wäre. Murawiew war sichtlich von der Besorgnis erfüllt,daß es in Rußland wieder zu revolutionären Bewegungen kommen könne,und nach wie vor davon überzeugt, daß nichts zu solchen mehr beitragenwürde als das Hineingleiten Rußlands in einen großen europäischen Krieg.

Bei der Abreise der russischen Gäste ereignete sich ein höfischer Zwi-schenfall, der, an und für sich belanglos, doch eine jener persönlichen Ver-stimmungen hinterließ, die auch politisch schädlich wirken. Entgegen der